Wikipedia GNU FDL Artikel anzeigen Artikel bearbeiten
 
Algerienkrieg

Toplinks zu diesem Thema:
Folter, Gruppen, Schutz, Verlag



Der Artikel Algerienkrieg gehört zur Kategorie: Kolonialkrieg, Französische Geschichte, Geschichte (Algerien), 1950er, 1960er, Krieg (Afrika)
Der Algerienkrieg bezeichnet den Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens in den Jahren 1954 bis 1962.

Hauptartikel: Geschichte Algeriens

Unruhen 1945

Im Mai 1945 kam es in einigen algerischen Städten zu schweren Unruhen, die neun Jahre später in den Algerienkrieg mündeten.

siehe auch: Massaker von Sétif

Verlauf

Da Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit Algeriens weiter ablehnte, u. a. wegen der starken französischen Minderheit von 800.000 Siedlern (Colons) bei 8 Millionen Einwohnern, begann die algerische Befreiungsfront (FLN) am 1. November 1954 mit dem bewaffneten Kampf. Der Konflikt weitete sich aus, als die FLN seit 1956 durch das mittlerweile unabhängige Marokko und Tunesien unterstützt wurde. Die französischen Truppen wurden in der Folgezeit – auch unter Hinzuziehung von Fremdenlegionären – auf ca. 500.000 Mann verstärkt und konnten teilweise Erfolge erzielen. So wurde 1957 unter dem Kommando von General Jacques Massu in der Schlacht von Algier die FLN geschlagen. Auch wenn Frankreich in der Folgezeit den militärischen Nachschub für die FLN teilweise unterbinden konnte, war eine vollständige Befriedung des Landes gegen die Guerillaeinheiten der FLN nicht möglich. Frankreich entwickelte in der Folge eine durch ihre Rücksichtslosigkeit berüchtigte Strategie zur Bekämpfung der Aufständischen, die als französische Doktrin bekannt wurde. Der Algerienkrieg gilt als einer der von beiden Seiten am grausamsten geführten Unabhängigkeitskriege.

Zunehmend kam es wegen der Kämpfe auch zu heftigen Spannungen unter den Franzosen selbst. Während in Frankreich eine Mehrheit der Bevölkerung eine Beendigung des Krieges und die Unabhängigkeit Algeriens akzeptieren wollte, drohten Teile des Militärs und der Siedler mit einem Putsch. Nachdem in Frankreich bei einem Referendum 1961 78 % der Bevölkerung für einen Rückzug aus Algerien gestimmt hatten, kam es zu verstärkten Terrorakten der französischen Siedler bzw. ihrer Geheimorganisation OAS. Diese wurden von der FLN mit Gegenterror beantwortet. Am 17. Oktober 1961 initiierte die FLN eine friedliche Protestkundgebung in Paris an der etwa 30.000 Algerier teilnahmen. Die Polizei löste die Demonstration gewaltsam auf, indem sie in die Menge schoss. Im Laufe des Tages nahm sie etwa 14.000 männliche und weibliche Algerier fest und brachte sie in Sportstadien und andere improvisierte Hafträume, wo sie viele von ihnen für mehrere Tage festhielt. Am 17. Oktober und in den Tagen danach töteten Polizei und Militär bei Krawallen bis zu 200 Menschen, deren Leichen teilweise in die Seine geworfen wurden (vgl. Massaker von Paris 1961).

Nach längeren Verhandlungen erkannte Charles de Gaulle im Abkommen von Evian am 18. März 1962 das Recht Algeriens auf Selbstbestimmung an. Auch wenn den französischen Siedlern ihr Eigentum garantiert wurde, kam es zu einer Massenflucht nach Frankreich. Am 1. Juli 1962 stimmten die Algerier über die staatliche Unabhängigkeit ihres Landes ab: 99 % der Wähler votierten dafür, am 3. Juli erkannte Frankreich Algeriens Unabhängigkeit an.

Opfer

Während des siebeneinhalb Jahre andauernden Krieges starben nach französischen Angaben: 17.459 Soldaten (davon 5.966 nicht im Gefecht getötet), darunter viele Fremdenlegionäre. Die FLN schätzte ihre Verluste 1962 auf etwa 300.000.

Die Gesamtzahl getöteter Algerier wurde von Frankreich später mit 350.000, von algerischen Quellen mit bis zu 1,5 Millionen angegeben.

Offizielle französische Angaben bezifferten die Zahl der getöteten Gegner auf 141.000, dazu weitere 12.000, die bei Kämpfen innerhalb der FLN ums Leben kamen, sowie 5.000 bei Auseinandersetzungen rivalisierender algerischer Gruppen im französischen Mutterland. Weitere 70.000 algerische Zivilisten sollen bei Aktionen der FLN getötet worden sein.

Die Opferzahl europäischer Zivilisten wurde auf 3.000 Tote und 7.000 Verletzte geschätzt.

Anfang 1962 wurde die Bevölkerung Algeriens mit 11.020.000 Einwohnern angegeben, davon 1.033.000 Nicht-Muslime, die das Land im Verlauf des Jahres fast vollständig verließen.

Gleichzeitig gab es bis zu zwei Millionen algerische Flüchtlinge während des Krieges. 150.000 algerische Kollaborateure, die so genannten "harkis", die während des Krieges in der französischen Armee und in milizähnlichen Selbstschutzeinheiten ( beispielsweise zum Schutz von Dörfern) dienten oder den Franzosen als Dolmetscher bei der Befragung von eigenen Landsleuten oder bei der Folter eigener Landsleute geholfen hatten, wurden nach dem Krieg von französischen Soldaten entwaffnet und ihrem Schicksal überlassen. Sie wurden fast alle unter furchtbaren Umständen ermordet. Die angegebene Zahl der Opfer schwankt sehr stark zwischen 30.000 und 150.000. Einigen 10.000 gelang die Flucht nach Frankreich, wo sie zu wichtigen Vertretern des Islam in Frankreich wurden.

Für die Geschichte Algeriens ist der Krieg, neben der Erringung der Unabhängigkeit, insoweit von großer Bedeutung, als das Militär einen starken Einfluss auf die Politik erlangte und eine wirkliche Demokratisierung des Landes bisher verhindern konnte.

Literatur

  • Hartmut Elsenhans: Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962. Entkolonisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. München, 1974.
  • Frantz Fanon: Im fünften Jahr der algerischen Revolution. s.l., 1959 (Originaltitel: L'an cinq de la révolution Algérienne)
  • Mohammed Harbi, Benjamin Stora (Hrsg.): La guerre d’Algérie. 1954–2004. La fin de l’amnésie; Verlag Robert Laffont, Paris 2004; 728 Seiten. (frz.)
  • Bernhard Schmid: Algerien - Frontstaat im globalen Krieg? Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideologie in einem nordafrikanischen Land. ISBN 3-89771-019-6
  • Bernhard Schmid (2006): Das koloniale Algerien. Münster. ISBN 3-89771-027-7
  • Claus Leggewie: Kofferträger: das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland. Berlin, 1984.
  • Guy Hennebelle, Mouny Berrah, Benjamin Stora: La Guerre d'Algérie à l'écran, Cinémaction, 1997.

Filme

  • Les Déracinés, dt. Titel: Flucht nach Korsika, Regie: Jacques Renard, Fernsehfilm ARTE F, Frankreich 2001, (IMDb)
  • La Guerre Sans Nom, dt. Titel: Der Krieg ohne Namen
  • La Battaglia di Algeri, dt. Titel: Die Schlacht um Algier, Regie: Gillo Pontecorvo, Italien/Algerien 1965, (IMDb)
  • Lost Command, dt. Titel: Sie fürchten weder Tod noch Teufel, Regie: Mark Robson, USA 1966, Darsteller: Anthony Quinn, (IMDb)

Weblinks

Siehe auch: Liste der Kriege, Liste von Schlachten


Diskussion der Autoren über den Artikel: Algerienkrieg


Paris 1961

Im Jahre 1961 soll es in Paris zu einem Massaker an Algeriern gekommen sein, kann jemand dazu etwas sagen? Ich habe davon nur von einem Augenzeugen gehört, der mir versicherte, daß es zu hunderten von Toten gekommen sei. Näheres ist mir nicht bekannt.

gab es eine sendung dazu, frankreichs staatsgeheimnisse. auch im alternativen reiseführer "anders reisen" erwähnt. berichte decken sich mit den angaben unten.

Wer fragt? --Cornischong 03:50, 12. Mai 2004 (CEST)

Am 17. Oktober 1961 kam es zu friedlichen Demonstrationen mehrerer tausend Algerier in den Straßen von Paris, die brutal niedergeschlagen wurden. Die Zahl der Toten soll im zweistelligen Bereich gelegen haben, hunderte von Menschen wurden verletzt und mehr als 10 000 (?) verhaftet. Die Leichen der Getöteten wurden in die Seine geworfen. (Quelle: http://www.lexpress.fr/info...

Ereignisse 1945, Verlustzahlen

Guten Tag, als eine Art Ausgangspunkt sollten wohl auch die Ereignisse im Mai 1945 in Algerien erwähnt werden - / was ist mit "6.000 zufällig Getöteten" (von 17.000) gemeint ? So wie es dasteht - rätselhaft ! Danke, WernerE, 08/9/2005-------------------

Änderungen vorgenommen:

  • Für die Ereignisse im Mai 1945 gab es bereits den Artikel Massaker von Sétif, ist jetzt hier verlinkt (von dort gibt einen Link zur ausführlichen französischen Version).

  • "6.000 zufällig Getöteten" ist sicher eine etwas unglückliche Übersetzung und dürften der Angabe im englischen Artikel entsprechen (French military authorities listed their losses at nearly 18,000 dead (6,000 from non-combat-related causes)). Formulierung geändert.

  • Opferzahlen aus dem englischen Artikel übernommen, Einwohnerzahl 1962 aus: Ronald Segal, Afrikanische Profile. Prestel 1963, Verluste dort lt. französischer Regierung: 17.250 tote und 51.800 eigene Soldaten, 141.000 der Gegenseite. FLN gibt laut diesem Buch > 1 Mio an.

Die Unterscheidung hostile/non-hostile wird z.B. auch für die aktuellen Verluste der USA im Irak verwendet (bei CNN, dort auf Graphical breakdown of casualties und dann auf die Jahreszahl klicken)

--POY 11:33, 10. Sep 2005 (CEST)



Diese Definition bzw. Erklärung des Begriff Algerienkrieg und dessen Bedeutung wurde zuletzt am 24.7.2007 aktualisiert (Glossar Lexikon Enzyklopädie).