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Der Artikel Karl Freiherr von Rokitansky gehört zur Kategorie: Mann, Österreicher, Politiker (Österreich), Philosoph (19. Jh.), Geboren 1804, Gestorben 1878
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Karl Freiherr von Rokitansky, Lithographie von Joseph Kriehuber, 1839 Bildherkunft |
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Karl Freiherr von Rokitansky, Foto um 1870 Bildherkunft |
Carl Freiherr von Rokitansky (* 19. Februar 1804 in Königgrätz/Hradec Králové, Böhmen, † 23. Juli 1878 in Wien) war Pathologe, Politiker und Philosoph.
Pathologe
Carl Rokitansky promovierte am 6. März 1828 an der Universität Wien im Fach Medizin. Als junger Professor der noch wenig beachteten Pathologischen Anatomie erkannte er, dass sie als Wissenschaft im Dienste der Klinik stehen müsse. Nur dann könne sie dem Arzt am Krankenbett neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten anbieten. Nach Gerard van Swieten, dem Begründer der Älteren oder Ersten Wiener Medizinische Schule, löste Rokitansky damit eine wissenschaftliche „Revolution“ aus. Mit der Gründung der Jüngeren oder Zweiten Wiener Medizinischen Schule leitete der Pathologe gemeinsam mit dem Internisten Joseph Škoda und dem Dermatologen Ferdinand von Hebra einen Paradigmenwechsel ein, der die naturphilosophisch orientierte Medizin hin zur modernen, naturwissenschaftlich orientierten Medizin führte. Mit der Spezialisierung der Medizin, verbunden mit der Entwicklung neuer Disziplinen, erreichten „Wiener Mediziner“ Weltruf.
Politiker
Durch die Führungspositionen in verschiedensten akademischen und politischen Institutionen prägte Rokitansky auch die Ära des österreichischen Hochliberalismus. Er repräsentierte den Liberalismus des Bildungsbürgertums. Im Streben nach „Freiheit und Fortschritt“ trug er sowohl zur Universitätsreform bei, als auch zur wesentlichen Verbesserung des Gesundheitswesens. Er war mehrmals Dekan der medizinischen Fakultät, 1853 der erste frei gewählte Rektor aus dem medizinischen Professorenkollegium der Universität Wien und Präsident des oberster Sanitätsrat. Schon 1850 leitete er die Gesellschaft der Ärzte in Wien, Rokitansky blieb ihr Präsident auf Lebenszeit. 1863 ernannte Staatsminister Anton von Schmerling den Liberalen zum medizinischen Studienreferenten im Innenministerium, am 25. November 1867 wurde er von Kaiser Franz Joseph I. „unerwartet und unvorbereitet“ ins Herrenhaus des Reichsrats berufen. 1870 wählte ihn schließlich die neugegründete Anthropologische Gesellschaft zum ersten Präsidenten.
Philosoph
Obwohl Rokitansky in der naturwissenschaftlichen Forschung für die „materialistische Methode“ eintrat, lehnte er den Materialismus als Weltanschauung ab. In der Festrede anlässlich der Eröffnung des Pathologisch-Anatomischen Instituts im Allgemeinen Krankenhaus in Wien warnte er eindringlich davor, „die Freiheit der Naturforschung“ zu missbrauchen. Der Naturforscher müsse sich zuerst des Menschen als „erkennendem Subjekt“ bewusst werden und dürfe erst dann „dem Drange nach Erkenntnis“ folgen. Wenn der Mensch in der Medizin nur mehr als Objekt der Forschung gelte, ginge die Würde des Menschen verloren. Damit thematisierte der Humanist zukunftsweisend die Frage der Ethik in der Medizin. In der Rede über die „Solidarität alles Tierlebens“ an der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zeigte er seine Nähe zu Arthur Schopenhauers Mitleidslehre. „Wenn wir [...] Mitleid hegen und üben“, erklärte er, würden wir „einen Theil der Last des Leidens von den Leidenden nehmen“. Menschliche Größe zeige sich in der Befähigung, durch Aggressionsverzicht „freiwillig die größten Leiden“ zu übernehmen. Jene, denen dies gelänge, sollten unsere „großen ethischen Vorbilder“ sein.
Am 17. Juli 1848 wurde Rokitansky zum wirklichen Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften gewählt, 1866 zum Vizepräsidenten und von 1869 bis zu seinem Tode am 23. Juli 1878 war der Gelehrte ihr Präsident. Er empfand diese Auszeichnung „als die größte Ehre, die ich genieße“.
Literatur
- Andree Christian, Rokitansky und Virchow – die Giganten der Pathologie in disputatio. In: Wiener Medizinische Wochenschrift 154, 19/20 (2004) 458–466.
- Chiari Hermann, Carl von Rokitanskys Bedeutung für die pathologische Anatomie. Vortrag, gehalten am 19. Februar 1954 in der Sitzung der Gesellschaft der Aerzte in Wien anläßlich der 150. Wiederkehr des Geburtstages Carl Frh. V. Rokitanskys. In: Wiener klinische Wochenschrift 66, 8 (1954) 134–137.
- Klemperer Paul, Notes on Carl von Rokitansky's Autobiography and Inaugural Address. In: Bulletin of the History of Medicine, Vol. 35 (1961) 374-380.
- Lesky Erna, Die Wiener medizinische Schule im 19. Jahrhundert (= Studien zur Geschichte der Universität Wien 6, Graz-Köln 1965).
- Meilensteine der Wiener Medizin: Große Ärzte Österreichs in drei Jahrhunderten, ed. Lesky Erna (Wien 1981).
- Luprecht Mark, „What people call pessimism”: Sigmund Freud, Arthur Schnitzler and Nineteenth-Century Controversy at the University of Vienna Medical School (Riverside, California 1991).
- Miciotto Robert J., Carl Rokitansky: Nineteenth-century pathologist and leader of the New Vienna School (Dissertation Johns Hopkins University, Baltimore 1979).
- Rokitansky Alexander M., Ein Leben an der Schwelle. In. Wiener Medizinische Wochenschrift 154, 19–20 (2004) 454–457.
- Rokitansky Carl, „Zur Orientierung über Medizin und deren Praxis“. Vortrag gehalten bei der feierlichen Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 31. Mai 1858. In: Almanach der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 9 (Wien 1859) 119–152.
- Rokitansky Carl von, Festrede: Freiheit der Naturforschung. Feierliche Eröffnung des pathologisch-anatomischen Instituts im k. k. allg. Krankenhaus am 24. Mai 1862 (Wien 1862).
- Rokitansky Carl von, Die Conformität der Universitäten mit Rücksicht auf gegenwärtige österreichische Zustände (Wien 1863).
- Rokitansky Carl von, Zeitfragen betreffend die Universität mit besonderer Beziehung auf Medizin (Wien 1863).
- Rokitansky Carl, Der selbstständige Werth des Wissens. Vortrag gehalten in der Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 31. Mai 1867, 2., von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften genehmigte Auflage (Wien 1869).
- Rokitansky Carl, Die Solidarität alles Thierlebens. Vortrag gehalten bei der feierlichen Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 31. Mai 1869. In: Almanach der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 19 (Wien 1869) 185–220.
- Rokitansky Carl, Die Defecte der Scheidewände des Herzens. Pathologische anatomische Abhandlung (Wien 1875).
- Rokitansky Carl von, Selbstbiographie und Antrittsrede. Eingeleitet, ed. und mit Erläuterungen versehen von Lesky Erna (Wien 1960).
- Carl Freiherr von Rokitansky. Pathologe – Politiker – Philosoph – Begründer der Wiener Medizinischen Schule des 19. Jahrhunderts, edd. Rumpler Helmut/Denk Helmut, red. Ottner Christine (Wien-Köln-Weimar 2005).
- Rokitansky Karl, Gedenkworte seines Enkels Dr. Karl Freiherr v. Rokitansky. In: Sonderabdruck aus „Österreichische Furche“ Nr. 8 vom 20. Februar 1954.
- Rokitansky Ottokar, Carl Freiherr von Rokitansky. In: Tausend Jahre Österreich. Eine biographische Chronik 2: Vom Biedermeier bis zur Gründung der modernen Parteien, ed. Pollack Walter (Wien-München 1973).
- Rokitansky Ottokar, Carl Freiherr von Rokitansky – zum 200. Geburtstag. Eine Jubiläumsgedenkschrift. In: Wiener klinische Wochenschrift 116,23 (2004) 772–778.
- Rössle Robert, Karl von Rokitansky und Rudolf Virchow. In: Sonderabdruck. Wiener Medizinische Wochenschrift 84,15 (1934) 1–9.
- Sablik Karl, Der Beginn der Zweiten Wiener Medizinischen Schule: Ein philosophisch – medizinischer Paradigmenwechsel. In: Verdrängter Humanismus. Verzögerte Aufklärung 3: Bildung und Einbildung vom verfehlten Bürgerlichen zum Liberalismus. Philosophie in Österreich (1820-1880), edd. Benedikt Michael/Knoll Reinhold/Rupitz Joseph (Wien 1995).
- Schaller Anton, Reflexionen des Frauenarztes der Gegenwart auf das pathologisch-anatomische Lebenswerk Carl Freiherr v. Rokitanskys. In: Wiener Medizinische Wochenschrift 154, 19/20 (2004) 477–481.
- Schönbauer Leopold, Das medizinische Wien. Geschichte, Werden, Würdigung. 2. umgearbeitete und erweiterte Auflage (Wien 1947).
- Schönbauer Leopold, Carl von Rokitansky. In: Wiener klinische Wochenschrift 66, 8 (1954) 131–134.
- Die Wiener Medizinische Schule im Vormärz, ed. Neuburger Max (Wien-Berlin-Leipzig 1921).
- Sedivy Roland, Carl Freiherr von Rokitansky, Wegbereiter der Pathologischen Anatomie (Wien 2001).
- Sedivy Roland, Carl Rokitansky und die Ambivalenz zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft. Naturwissenschaftliche Rundschau 57(12)(2004)661-669.
- Seebacher Felicitas, „Primum humanitas, alterum scientia“. Die Wiener Medizinische Schule im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik (Dissertation Universität Klagenfurt 2000).
- Seebacher Felicitas, „Freiheit der Naturforschung!“ Carl Freiherr von Rokitansky und die Wiener Medizinische Schule: Wissenschaft und Politik im Konflikt. Mit einem Vorwort von Helmut Denk und einer Einführung von Günther Hödl. Bildteil: Karl Sablik (=Österreichische Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse. Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin Nr. 56, Wien 2006).
- Stefan Hvĕzdoslav, Karel Rokitanský (Hradec Králové 1954).
- Stefan Hvĕzdoslav/Procházková Olga/Šteiner Ivo, Karel Rokitanský. Published by the Charles University Faculty of Medicine in Hradec Králové on the occasion of the 60th anniversary of its foundation (Hradec Králové 2005).
- Wilde William Robert, „Its literary, scientific and medical institutions“. Mit Bemerkungen zum derzeitigen Stand der Wissenschaft (Dublin-London-Edinburgh 1843).
- Oscar Wildes Vater über Metternichs Österreich. William Wilde – ein irischer Augenarzt über Biedermeier und Vormärz in Wien, ed. Montjoye Irene (= Studien zur Geschichte Südosteuropas 5, ed. Hering Gunnar, Frankfurt am Main-Bern-New York 1989).
- Wiener klinische Wochenschrift. The middle european journal of medicine, ed. Druml W./Sinzinger H. Special issue: Carolus Rokitansky - conditor pathologicae anatomiae: on the occasion of his 200th anninversary, guest editor Sedivy Roland 116,23 (2004).
- Wiener Medizinische Wochenschrift. Themenschwerpunkt: 200 Jahre Carl Freiherr von Rokitansky, ed. Sedivy Roland 154,19/20 (2004).
- Wyklicky Helmut, Karl Freiherr von Rokitansky. In: Sonderdruck Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (Wien 1986).
Weblinks
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Diskussion der Autoren über den Artikel: Karl Freiherr von Rokitansky
Tscheche oder Österreicher
We can discuss about the nationalities here, but it is useless. We could go on and on about his name being czech and about the etnicity of his parents, the start of his studies in Prague and the majority of his work being done in Wien etc. He was a great european scientist indeed. To reflect the multinational identity of scientists of that time, both nationalities should be mentioned in the article, or better omitted at all and replaced with "european". Added POV tag to make this issue clear.Don't remove the tag before you discussed anything. Your comment suggesting that because Bohemia belonged to Austria everybody born in Bohemia before 1918 should only be called "austrian" is unbelievable.
I would like to answer with an abstract. e-mail: felicitas.seebacher@uni-klu.ac.at
22nd International Congress of History of Science Beijing, July 24 – 30, 2005 International Union of History and Philosophy of Science – Division History of Science Symposium: International Networks, Exchange and Circulation of Knowledge in Life Sciences, 18th to 20th Centuries Organizers: Prof. Dr. Brigitte Hoppe – Germany Assoc. Prof. Dr. Sona Strbanova – Czech Republic Dr. Nicolas Robin – France
Abstract: "No ‚National Feeling’ in Science!“ Bohemian Professors at the University of Vienna Medical Faculty: Mediators in National and International Networking in the Habsburg Empire
The medical faculty of the University of Prague, "stepping-stone to Vienna" as the Irish ophthalmologist William Robert Wilde formulated in 1843, was for the medical faculty of the University of Vienna its main partner for scientific cooperation in the Habsburg Empire and at the same time its greatest rival. Medical professors who were trained in Vienna taught at the University of Prague and Prague sent its outstanding medical professors to Vienna. For medical students in Prague – according to the Habsburg historian Jean Bérenger – to pursue a career in Vienna was regarded as the ultimate recognition at this time. After 1830 the Bohemians Count Anton Kolowrat-Liebsteinsky, cabinet-minister of the Habsburg Monarchy and Baron Ludwig von Türkheim, Court Commissioner for Medical Studies, began in Vienna to promote particularly talented young men from Bohemia such as Joseph Škoda, Ferdinand Hebra and Carl Rokitansky. In his study “Austria: Its literary, scientific and medical institutions. With notes upon the present state of science” Wilde confirmed the dominance of Bohemian medical students and young doctors in Vienna. "Not only are the Bohemian or Slavonian race the most zealous cultivators of medicine, but in talent and reputation they far surpass the others, and form a large majority of the professors". However, it has not yet been fully researched how much the Habsburg Monarchy valued this intellectual potential or whether they regarded it as a future threat. According to their autobiographies these young Bohemian doctors were indeed confronted with considerable resistance. Precisely because of this, Rokitanky, meanwhile the leading liberal pathologist in Vienna, not only succeeded in establishing a scientific and political network in Vienna but also in creating an expansion of medical knowledge to all universities of the Empire, of Europe and America which led to international recognition of the Vienna Medical School. Because of his international approach, seldom for the time, and his leading positions in academic institutions, Rokitansky, living in the multicultural city of Vienna, defined his own nationality neutrally as "Austrian". At the beginning of the rise of national conflicts in the Monarchy he could therefore not be captured either by the intellectual nationalism of the Germans or the Czechs at the Universities of Vienna and Prague. He realised that the international reputation of the sciences, particularly medicine, could by threatened by the rise of nationalism. The ideology of national thinking in sciences of the German pathologist Rudolf Virchow was regarded with mistrust by his Austrian colleague. In 1862 Rokitanky already warned in his brochure "Contemporary Questions relevant to the University" of any national consolidation of studies which would result in a division of the "solidarity of science". "The more intensive national feelings are", he added, "the less success an academic institution will have". The Sciences as an "international undertaking" should preserve the consciousness of unity in the "academic world" confirmed the historian, Friedrich Paulsen fourty years later, when academic nationalism had reached already its first peak. In the midst of progress – despite escalating conflicts – Czechs as well as German scientists still believed that the preservation of humanity was the most important goal in medicine.



