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Philosophiegeschichtliche Verortung des Poststrukturalismus
Es gibt wenig zentrale Thesen des Poststrukturalismus. Ein Grund ist, dass viele Poststrukturalisten betonen, dass es ihnen bewusst nicht um die Aufstellung einer neuen umgreifenden philosophischen Theorie geht, sondern um eine bestimmte Methode oder eine denkerische Haltung.Definition durch Kritik an klassischen Begriffen: Zahlreiche oft als "poststrukturalistisch" bezeichnete Philosophen kommen in der Kritik an bestimmten klassischen Begriffen von Metaphysik, Subjekt oder Rationalität überein. Bestimmte mit diesen Begriffen verbundene Positionen werden dabei oft als totalitär, ungerecht oder ungeschichtlich kritisiert. Gegenüber Klassikern des Strukturalismus wird oft kritisiert, transkulturelle, ahistorische und abstrakte Gesetze gesellschaftlichen Wandels zu entdecken, auch der Strukturbegriff entschieden problematisiert. Leitend ist für viele Autoren die (politische) Frage, wie gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Formationen, die mit Herrschaftsverhältnissen produzierenden Machtformen verknüpft sind, durch subversive (unterlaufende) Praktiken verändert werden können.
Viele Poststrukturalisten problematisieren aber selbst Begriffe wie "Methode", "Kritik" oder "Theorie". Oftmals wird in Anknüpfung an strukturalistische Gedanken das Verhältnis von (sprachlichen) Zeichen und ihrer Bedeutung problematisiert und das Augenmerk auf Strukturen der Sprache oder bedeutungsgenerierenden Operationen allgemein gerichtet.
Verschiedene Ansätze des Poststrukturalismus
Der Verwendung des Begriffs "Poststrukturalismus" entspricht vielleicht am ehesten, seine Bedeutung an die Familienverhältnisse zu binden, welche die Texte der typischen Vertreter lose verbinden. Zu diesen Vertretern zählen etwa: Louis Althusser, Roland Barthes, Jean Baudrillard, Judith Butler und Hélène Cixious.Die Schrifttheorie Jacques Derrida
Jacques Derrida ist ein besonders wichtiger Autor. Er hat die Methode (er selbst sagt: "Praxis") der Dekonstruktion entwickelt. Eine mit Dialogsituationen konnotierte Unterstellung direkter Zugänglichkeit von allgemeiner Bedeutungsintention und Bedeutungsintution ist nicht einmal im Gespräch, ebensowenig wie in schriftlicher Kommunikation gegeben (wie seine Grammatologie in Auseinandersetzung mit einigen historischen Marksteinen der Sprachtheorie zu zeigen versucht). Beide Ansprüche seien sogar grundsätzlich gegensätzlich (wie Die Stimme und das Phänomen zeigen will). Selbstbekanntschaften des Subjekts mit sich (wie in der Descarte'schen Cogito-Szene) scheitern aus Sicht Derridas an der zeitlichen Differenz von Formulierungs- und Auswertungsakt. Seine frühen Aufsätze setzen sich außerdem mit Freud, Hegel, Saussure und Levinas auseinander, den Derridas Kritik teils erst bekannt gemacht hat.Die Texte folgender Autoren widmen sich fast allen Bereichen der Philosophie, nach einer mehr experimentell geprägten Phase stellen seine späten Schriften praktische und politische Fragen in den Vordergrund und haben damit Motive verdeutlicht, die seit Beginn sein Denken prägen: Gilles Deleuze und Félix Guattari, Michel Foucault, Luce Irigaray, Julia Kristeva, Jacques Lacan, Ernesto Laclau, Jean-François Lyotard.
Jacques Lacans Psychoanalyse
Diskurstheorie: Michel Foucault
=Intertextualität und das Denken von Julia Kristeva
Roland Barthes
Denkformen
Grundeinstellungen
Einheit von Denk-, Sprach- und Lebensverhältnissen im abendländischen Denken
Der Poststrukturalismus sieht die Denk-, Sprach- und Lebensverhältnisse miteinander unauflöslich verwoben. Zentrale Aufgabe der Philosophie sei es, die Denkverhältnisse zu analysieren, „die notwendigerweise mit herrschaftlich-totalitären Lebensformen korrelieren“ (Kuhn). Nach Kuhn ist für den Poststrukturalismus „Herrschendes abendländisches Denken (...) unmittelbar verbunden mit Lebensverhältnissen (...), die wir vorläufig zusammenfassend benennen können als autoritär, eindimensional, hierarchisch, totalitär, pluralitätsfeindlich. Für Menschen, die sich andere Lebensverhältnisse wünschen, ist daher die Entwicklung anderer Denkformen notwendig.“So schreiben Deleuze und Guattari in Tausend Plateaus: "Das Denken als solches ist bereits konform mit einem Modell, das es vom Staatsapparat übernommen hat und das ihm Ziele und Wege, Leitungen, Kanäle, Organe, ein ganzes Organon vorschreibt."
Lebensbejahendes Denken statt Eingrenzung des Lebens
Dort, wo diese Einheit und Verwobenheit von Denk-, Sprach- und Lebensverhältnissen nicht gesehen wird, findet man „nur noch Beispiele, in denen das Denken das Leben zügelt, verstümmelt und vernünftig macht“ (Deleuze, in: Nietzsche). Da, wo das Philosophieren, das Denken, über das Leben urteilt und ihm vermeintliche höhere Werte entgegensetzt und das Leben an diesen höheren Werten misst und Grenzen setzt, sieht der Poststruktualismus "Die Entartung der Philosophie" (Deleuze). Sie "wird mit Sokrates klar sichtbar. ... Er macht aus dem Leben eine Sache, die beurteilt, gemessen und eingegrenzt sein muss, und aus dem Denken macht er ein Maß, eine Grenze, die im Namen höherer Werte – wie das Göttliche, das Wahre, Schöne und Gute – arbeitet... Mit Sokrates erscheint der Typus des freiwillig und spitzfindig geknechteten Philosophen" (Deleuze, in: Nietzsche).Gegen dieses Denken "wünschen" (Kuhn) sich die Poststrukturalisten ein Denken, das das Leben bejaht. Deleuze schreibt dazu in Nietzsche und die Philosophie: "Statt einer sich dem Leben entgegenstellenden Erkenntnis ein Denken, das das Leben bejahte. Das Leben wäre die aktive Kraft des Denkens, aber dieses die bejahende Macht des Lebens. Beide gemeinsam, sich wechselseitig ziehend, gingen sie in dieselbe Richtung, im Gleichschritt, vorwärts im Bemühen um eine bisher noch beispiellose Schöpfung. Denken würde bedeuten: entdecken, neue Möglichkeiten des Lebens erfinden."
Theoretische Grundpositionen
Nach Kuhn implizieren diese Haltungen „jene theoretischen Basis-Positionen, die die Unterschiede zwischen den poststrukturalistischen und vielen anderen Denkweisen markieren und oft eine vehement ablehnende Haltung zum Poststrukturalismus mit sich bringen.“ Kuhn beschreibt diese Positionen negativ, im Sinne von „Poststrukturalismus wendet sich gegen…“ wie positiv, als die Prinzipien des Poststrukturalismus.Der Poststrukturalismus richtet sich gegen:
- die Idee einer Wahrheit
- die Idee einer Wesenheit
- die Ideen eines autonomen, rationalen und bewusstseinstragenden Subjekts
- die Idee von der Verfügbarkeit der Sprache
Nach Kuhn ergeben sich diese Ablehnung auch aus den Auseinandersetzungen um den Poststrukturalismus, in denen sich alle Einwände in irgendeiner Form auf diese vier Ideen beziehen. Von den Poststruktualisten werden nach Kuhn diese Ideen "als von den konkreten und vielfältigen Lebensverhältnissen abstrahierende Konstruktionen gesehen, die mit bestimmten Machtverhältnissen Hand in Hand gehen, und – genauso wie die jeweiligen Machtverhältnisse – keinen Anspruch auf allgemeine Akzeptanz im Sinne irgendeiner (intellektuellen, religiösen, moralischen oder anderen) Legitimation erheben können, sondern sich ihre Akzeptanz selbst terroristisch-diskursiv erarbeiten und absichern (...). Eigen ist diesen Konstruktionen dabei nicht nur die aktuelle Stützung bestimmter Machtverhältnisse, sondern auch die Verhinderung theoretischer Entwicklungen, die aus einem Sich-Einlassen auf die Pluralität dessen, was wir Wirklichkeit nennen, Konzeptionen zur Entfaltung bringen könnten, die als Analyse- und Denkformen gleichzeitig Existenz- und Widerstandsformen wären."
Konsequenzen für die Geschichte der Metaphysik
Abgelehnt werden mit diesen vier Ideen die mit der Geschichte der Metaphysik verbundenen traditionellen Voraussetzungen abendländischer Philosophie.- Zu fragen sei nicht "Wahr oder falsch?", sondern "Was gilt als wahr?" oder "Wie funktioniert da oder dort der Ausdruck wahr?"
- Darstellungen oder Unterstellungen von Wesenheiten (Essenzen) interessiert die Poststruktualisten nicht.
- Die Vorstellung von einem autonomen Subjekt wird als Illusion und "Schwindel" verstanden.
- Vorstellungen über die Verfügbarkeit des Menschen über die Sprache wird für "eine maßlose Selbstüberschätzung" (Kuhn) gehalten.
Kuhn: "Theorien, die auf die Erkenntnis oder Erkenntnismöglichkeit der Wahrheit bauen (oder auch nur auf die Möglichkeit der Annäherung an das nicht aufgegebene Ideal der Wahrheit), auf unveränderliche Seinszustände, auf Rationalität oder Intentionalität des Subjekts, oder auf das kommunikative Modell der Sprache, werden vom Poststrukturalismus grundlegend in Frage gestellt. Was schließlich zur Folge hat, dass jegliche von Platon, Aristoteles, Descartes, Kant oder Hegel herrührenden Denksysteme abgelehnt werden, und zwar brüsk – weswegen die Differenzen zwischen den PoststrukturalistInnen und ihren GegnerInnen tatsächlich oft unüberbrückbar scheinen, weil sie grundlegende Auffassungen von Theorie, Erkenntnis, Welt, Mensch, Sprache und Leben betreffen. Anders gesagt: Wer an einem Erkenntnisideal welcher Art auch immer ('aber stimmt das jetzt auch?'), an der Vorstellung welttranszendenter oder weltimmanenter Konstanten ('aber was ist es jetzt wirklich?'), an der Intentionalität eines Autors ('was hat er mitzuteilen?'), an der repräsentativen Funktion von Sprache ('was will sie damit jetzt genau sagen?') oder an allem, was ähnliche Fragen impliziert ('wer hat jetzt recht?', 'aber was verbirgt sich dahinter?', 'warum kann er das nicht klar und deutlich sagen?' oder vielleicht sogar 'was ist sein wahres Ich?') festhält, der oder die wird mit dem Poststrukturalismus nicht viel anfangen, nicht mit ihm arbeiten können (...)"
Prinzipien poststrukturalistischer Theoriebildung
Der Ablehnung dieser vier in der abendländischen Philosophie verankerten Ideen stehen deutliche Kriterien gegenüber, anhand derer sich bestimmen und unterscheiden lässt, was poststrukturalistische Texte und Denken ausmacht und ihm gerecht wird. Dabei wird nicht behauptet im Gegensatz zu den abgelehnten Ideen das richtige oder das „revolutionäre“ Denken entgegen stellen zu wollen. Mit diesen Kriterien wird sich hingegen bemüht, Wege für „spezifische und vielfältige Entfaltungen subversiven und beweglichen Denkens“ aufzuzeigen.Pluralistisch-univokes Denken
Von entscheidender Bedeutung sind Vielfalt (Pluralität) und die singuläre und unaustauschbare Einzigartigkeiten (Differenz), die „nicht in einer höheren und wahren Ganzheit oder Identität negiert werden können, ohne sich in die oben beschriebenen und abgelehnten Denkschemata zu begeben (...) Allem (Ereignissen, Diskursen, Lebensformen ...) muss mensch in seiner singulären und unaustauschbaren Einzigartigkeit gerecht werden, jede Absicht, das Einzigartige einer Gesamtheit unterzuordnen, tut ihm Gewalt an.“ (Kuhn).Bei der Entwicklung eines „Denken der Differenz“ wird jedem Versuch, die Wirklichkeit in Hierarchien einzubinden, widersprochen. Gegenstand des Denkens ist ein „sich stets veränderndes Feld der Wirklichkeit, ... das somit zwar eines, aber kein identisches, sondern ein vielfältiges ist.“ (Kuhn)
Materialistisches Denken
Gemeint ist damit keine „vulgären Version eines es-gibt-keine-Seele-hab'-nie-eine-gesehen“ (Kuhn). Abgelehnt werden bestimmte erkenntnistheoretische Grundsätze, die eine Zweiteilung der Welt in Geist und Bewusstsein vs. Körper und toter Materie behaupten. Dagegen wird ein vitalistischer, lebensbejahender Materialismus gesucht, „der der stofflichen Verwobenheit der Spiele und Bewegungen des Lebens angemessen ist“. D.h. es gibt nichts mehr, das als „unabänderlich 'Totes' ausgegrenzt wird“ (Kuhn).Atheistisches Denken
Der Metaphysik wird „das fröhliche Umherschweifen“, die Entfaltung aktiver, lebendiger, intensiver, ungebundener und bejahender Lebensformen entgegengesetzt, die alles „göttlichen“ (universale Monotheismen, königliche Despotien, humanistische Ideale, liberalistische Universalrechte usw.) ablehnen.Deleuze: „Bejahen heißt nicht, sich aufladen, auf sich nehmen, was ist, sondern das, was lebt, entbinden, befreien. ... Nicht das Leben mit dem Gewicht höherer Werte belasten, sondern neue Werte schaffen, die solche des Lebens sind, die das Leben zum Leichten, zum Aktiven erheben.“
Funktionalismus und Pragmatismus
Dem Poststrukturalismus geht es nicht darum „wahre“ Theorien zu entwickeln, sondern „Theorien als Erklärungspraktiken verschiedener Zusammenhänge zu produzieren, die als solche gut oder weniger gut zu gebrauchen sind“.Deleuze: „einzig der Gebrauch, den man (...) macht, zählt. Kein Problem des Sinns, nur mehr des Gebrauchs“. Bestehende Theorien werden nicht daraufhin untersucht, „ob sie wahr oder falsch sind, sondern wie sie funktionieren, wozu sie wem bzw. was von Nutzen sind, wie sie legitimiert werden, in welchen Wechselbeziehungen sie mit anderen Theorien stehen, mit welchen Machtverhältnissen sie korrelieren, welche sie verhindern (...)“ (Kuhn).
Guattari: „Ich weise nicht den Dialog zurück, aber mir ist es lieber, wenn der Dialog nicht zu ideologischen Einwendungen führt. Was mir gefällt, sind die maschinellen Einwendungen. Sagt man mir, mit einem anderen Wort als 'Begehren' liefe es besser, gut, dann bin ich aufmerksam und gespannt wie die Jungs, die sich über den Motor ihres Mopeds beugen“.
Poststrukturalismus ist nach Derrida „der erklärte Verzicht jeglicher Bezugnahme auf ein Zentrum, auf ein Subjekt, auf eine privilegierte Referenz, auf einen Ursprung oder auf eine absolute 'Arche' “.
Dekonstruktion
Eine Methode des Poststrukturalismus ist die (eigentlich strukturalistische) Dekonstruktion von Modellen der Wirklichkeit (Dekonstruktivismus).Nach Jacques Derrida ist Dekonstruktion eigentlich keine Methode, sondern eine Praxis. Dies bedeutet, sie muss nach dem jeweiligen Gegenstand immer anders verfahren und ist nicht immer gleich anwendbar. Dennoch kann man grob gesagt zwei Bewegungen ausmachen: Die erste ist die Umkehrung z.B. von binären Unterscheidungen, die zweite die Verschiebung der ganzen Logik. Bliebe man bei der ersten Bewegung stehen, würde wieder eine neue Hierarchie aufgebaut, darum betont Derrida, dass die zweite Bewegung der Verschiebung unbedingt notwendig ist. Hinzu kommt, dass eine Dekonstruktion eigentlich nie abgeschlossen ist, da sich immer wieder binäre Logiken herstellen.
"Es geht uns gewiß nicht um interpretierende Deutung nach dem Muster: Dieses bedeutet jenes." (Deleuze/Guattari: Kafka)
Interessant ist die Praxis der Dekonstruktion nicht nur, wenn man sie auf Texte (im geläufigen Sinn) anwendet, sondern auch im Hinblick auf Medien (Friedrich Kittler) oder sozialwissenschaftliche Theorien, die sich mit Identitäten oder Identifizierungen beschäftigen - zum Beispiel die Queer Theory oder die feministischen Theorien (Judith Butler) oder Kulturtheorien. Hier werden anhand der Praxis der Dekonstruktion die Stabilitäten und Wesenheiten von Identitäten hinterfragt, und man sucht nach neuen politischen Wegen.
Vielfach wird der Dekonstruktion auch eine ethische Komponente zugesprochen, da sie die Beziehung zum Anderen eröffnet, zu einem bislang Ungedachten oder Ausgeschlossenen. Der Ethikbegriff der Dekonstruktion geht zurück auf die Philosophie von Emmanuel Levinas.
Sozialhistorische Hintergründe
Poststrukturalistische Autoren schrieben in einem politischen Klima des „humanistisch argumentierenden Marxismus“ (Kuhn), das die Intellektuellen ihrer Zeit bestimmte. Derrida spricht von einem Milieu, das vom Marxismus „eingeschüchtert“ sei. Foucault meinte:„In den Jahren zwischen 1945 und 1965 (ich beziehe mich hier auf Europa) gab es eine bestimmte Art und Weise, richtig zu denken, einen bestimmten Stil des politischen Diskurses, eine bestimmte Ethik des Intellektuellen. Man musste wohlvertraut sein mit Marx.“
Maurice Merleau-Ponty und besonders Jean-Paul Sartre galten als Autoritäten in moralisch-politischen Fragen, die kaum zu kritisieren waren. Auch die Kritik am Sowjetsozialismus und an dogmatischen Strukturen der KPF war vor allem eine Sache dieser anerkannten Marxisten.
Foucault: „Als ich jung war, war gerade er (Sartre) es, [und] alles, was er repräsentierte, der Terrorismus von Les Temps modernes, wovon ich mich befreien wollte.“
Barthes: „Meine Generation hatte das Bedürfnis, Sartres Unternehmung, die den Menschen in das Halseisen der historischen Dialektik einschließt, zu erschüttern.“
Lyotard kritisierte in seinen “Streifzügen“ : „Die Gewerkschaften trugen dazu bei, die Ausbeutung der Arbeitskraft zu steuern, die Partei diente dazu, die Entfremdung des Bewusstseins zu modulieren, Sozialismus war ein totalitäres Regime, und Marxismus war nichts anderes mehr als ein - Raster von Worten.“
Die Autoren sahen die marxistische Bewegung vor dem Hintergrund des Stalinismus, dem Verschwinden der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt, der „Sozialdemokratisierung“, der Schwäche sozialistischer Bewegungen im Postkolonialismus, der Formulierung neuer Dringlichkeiten in der Ökologie, der Selbstzerstörung der Jugendlichen in den Metropolen, der Entstehung neuer selbstbewusster Bewegungen, die sich nicht mehr mit einer Nebenwiderspruchsposition abfinden wollten: Frauenbewegung, Black Power- Bewegung, die SchwulenLesbenbewegung, oder die Bürgerrechtsbewegungen.
Das poststrukturalistische Denken konnte auf diese Veränderungen keine Antworten mehr im Humanismus und Marxismus erkennen.
Foucault: „Vielleicht seit der Oktoberrevolution in Rußland 1917 … gibt es zum ersten Mal auf der Welt nicht einen einzigen Punkt, durch den das Licht einer Hoffnung scheinen könnte. Es gibt keine Orientierung mehr. Auch nicht in der Sowjetunion, das versteht sich von selbst ... Es gibt keine einzige revolutionäre Bewegung, erst recht kein einziges „sozialistisches“ Land, auf das wir uns berufen könnten ... Wir sind zurückgeworfen auf das Jahr 1830, das heißt: Wir müssen neu beginnen. ... Wir müssen ganz von vorne anfangen und fragen: Von wo aus kann man die Kritik an unserer Gesellschaft leisten, ... da ja alles, was diese sozialistische Tradition in der Geschichte hervorgebracht hat, zu verurteilen ist.“
Es entstand eine zunächst vehement antimarxistische Haltung und es kam zu einer „theoretischen Revolution, die sich nicht nur gegen bürgerliche Staatstheorien richtet, sondern auch gegen die marxistische Konzeption der Macht und ihrer Beziehungen zum Staat. Es hat den Anschein, als ob endlich etwas Neues seit Marx auftauchte. Es sieht so aus, als sei die Komplizenschaft hinsichtlich des Staates zerrissen.“ (Deleuze, in: Der Faden ist gerissen)
Der Mai 68 überraschte die dogmatischen Marxisten der KPF, und Poststrukturalisten sahen in ihnen auch einen der Gründe für sein Scheitern. Deleuze und Guattari war es somit in ihrer Zusammenarbeit „weniger darum gehandelt, dass wir unser Wissen gemeinsam nutzen wollten, sondern darum, dass wir uns mit unseren Ungewissheiten, ja, sagen wir in der gewissen Verwirrung zusammentun wollten, in die uns die Wende, die die Ereignisse nach dem Mai 68 genommen hatten, versetzt hat.“
Philosophische Bezugsautoren
Wichtige Referenzen, auf die sich viele Postrukturalisten - oft auch kritisch - beziehen, sind etwa: Jacques Lacan, Louis Althusser, Michel Serres, Claude Lévi-Strauss, Ferdinand de Saussure, Karl Marx, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Georges Bataille, Pierre Klossowski. Daneben sind für Lyotard bedeutsam: die Sophisten, Wittgenstein und Kant; für Deleuze „Epikur, Lukrez, Duns Scotus, Spinoza, Hume, Bergson“; für Derrida: Paul de Man; für Deleuze und Guattari: der Linguist Louis Hjelmslev und der Ethnologe Pierre Clastres; für Foucault: Gaston Bachelard; für Irigaray die christliche Mystik.Siehe auch
Quellen
Literatur
- François Dosse: Geschichte des Strukturalismus, Frankfurt/M.: S. Fischer 1999 (2 Bde.)
- Manfred Frank: Was ist Neostrukturalismus?, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984
- Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M: Suhrkamp 1988
- Gabriel Kuhn: Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus. Unrast Verlag 2005 - ISBN 3-89771-441-8
- Stephan Moebius: Die soziale Konstituierung des Anderen. Grundrisse einer poststrukturalistischen Sozialwissenschaft nach Lévinas und Derrida, Frankfurt/M.: Campus 2003. - ISBN 3-593-37268-1
- Stefan Münker/Alexander Roesler: Poststrukturalismus. Stuttgart: Metzler 2000 - ISBN 3-476-10322-6
- Heike Raab: Foucault und der feministische Poststrukturalismus. - Ed. Ebersbach: Dortmund 1998. - ISBN 3-931782-96-4
- Tom Rockmoore: Heidegger und die französische Philosophie, Zu Klampen 2000. - ISBN 3-924245-96-7
- Alan Sokal / Jean Bricmont: Eleganter Unsinn - Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. dtv 2001 - ISBN: 3423330651
Weblinks
Diskussion der Autoren über den Artikel: Poststrukturalismus
Markus Mueller, gerade weil der Eintrag im philolex kürzer ist als der Artikel hier, ist er für viele Anfänger der Philosophie und Laien als Einstieg geeignet. Oder habt ihr hier vor, ein elitäres Projekt für Philosiophie-Studenten und Philosophie-Magister zu betreiben ??? Viele wikipedia-Artikel zu philosophischen Themen sind viel zu lang, um für den "Normalleser" noch informativ zu sein. Das Internet ist etwas für hunderte Millionen von Menschen, nicht etwas für Menschen, die sich irriger Weise für die Elite halten. (Wären die Schreiber diverser wikipedia-Artikel zu philosophischen Themen Elite, wären diese Beiträge erheblich besser.) Im Übrigen glaube ich, daß es gar nicht um die Länge geht, sondern darum, daß es einige Poststrukturalismus-Fans nicht ertragen können, das ihre Lieblingsphilosophie kritisiert wird.
Sag mal, Benutzer Victor Eremita, was paßt dir am philolex-Artikel zum Poststrukturalismus nicht, daß du den entsprechenden Weblinks entfernst? Paßt es dir nicht, daß diese Richtung dort kritisch unter die Lupe genommen wird? In diesem Artikel ist auch die entsprechende wikipedia-Seite verlinkt.
Betreff entfernte Weblinks: Wenn jemand Weblinks entfernt, finde ich das sehr anmaßend. Zumindestens sollte es hier auf der Diskussionsseite begründet werden.
Ergänzungen:
- Sozialhistorische Hintergründe
- Wissenschaftshistorische Hintergründe
- Denkformen
- Philosophie als Politik
Kritik
Der Kritik-Punkt wäre ausführlicher zu behandeln, und dürfte eigentlich mit dem Verweis auf den Sophismus der Antike zur Genüge ausgeführt worden sein.
Letztendlich ist "Poststrukturalismus" ja nur ein modischer Name für einen alten Hut, welcher sein Verfallsdatum schon in der ersten Silbe trägt.
Grüße,
Jan.
1. März 2006 n.Chr. (11:40 MEZ)
Der ganze Abschnitt Denkformen scheint vom AUtor des zitierten Buches zu stammen. Also wenn ich mal ein Buch über den "Poststrukturalismus" veröffentliche, werde ich mich auch eifrig zitieren. Kurz ausgedrückt: die sogenannten Denkformen sind schlechtweg falsch. Das beste Beispiel: pluralistisch-univokes Denken. Das Denken/Schreiben von Differenz ist gerade niemals univok. Und ebenso: heidnisch-atheistisches Denken. Ebenfalls Materialismus, etc. Der Artikel ist schrott.
Überarbeitung
Der Artikel bedarf einer Überarbeitung, denn er enthält nicht verifizierbare Zitate. Beispiel: Gilles Deleuze, Nietzsche und die Philosophie; die Zitate lassen sich in dem angegebenen Buch nicht auffinden.--Wolfgang Krebs 21:15, 22. Jun 2006 (CEST)- Man müßte mehr Zeit haben; hier ist in der Tat eine erhebliche Überarbeitung notwendig. --Olaf Simons 22:19, 22. Jun 2006 (CEST)
- Das ganze ist wirklich grauenhaft. Ich finde es unverantwortlich, den Text so stehen zu lassen. Lieber dieses Zeugs löschen und als Stub zurücklassen als sowas! (Ich habe mal provisorisch begonnen, daran zu arbeiten, habe aber gerade nicht viel Zeit. Ich habe vor, hinter die jetzt bloß augelisteten Namen kurze Charakteristiken einzufügen.) Ca$e 19:57, 23. Jun 2006 (CEST)
- Das Buch mit den Deleuze-Zitaten heisst einfach nur Nietzsche - hab das mal geändert soweit ich sie da gefunden hab.
Alte Version
Soweit im Folgenden nicht anders angegeben: Gabriel Kuhn: Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden - Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus. Unrast Verlag, 2005, ISBN 3-89771-441-8 ==
Wissenschaftshistorische Hintergründe
Die Strukturalisten und hier besonders Jacques Lacan wurden von den Poststrukturalisten zwar heftig attackiert, jedoch wurde etwa Louis Althusser, Michel Serres, Claude Lévi-Strauss, Ferdinand de Saussure oder auch Jacques Lacan nicht grundlegend der Respekt verweigert.Die Autoren ignorierten den Kanon der Philosophie nicht, dabei wurde mehr als Marx und Freud Nietzsche gewürdigt; Deleuze formulierte: „Marx und Freud sind vielleicht der Beginn unserer Kultur, aber Nietzsche ist etwas ganz anderes, nämlich der Beginn einer Gegenkultur“.
Wichtige Bezugspunkte waren neben Martin Heidegger, Georges Bataille und Pierre Klossowski, die für alle Poststrukturalisten eine Rolle spielten, für Lyotard: die Sophisten, Wittgenstein und Kant; für Deleuze „Epikur, Lukrez, Duns Scotus, Spinoza, Hume, Bergson“; für Derrida: Paul de Man; für Deleuze und Guattari: der Linguist Louis Hjelmslev und der Ethnologe Pierre Clastres; für Foucault: Gaston Bachelard; für Irigaray die christliche Mystik.
Schon die Begriffsbildung impliziert eine Kritik am klassischen Strukturalismus. Sie richtet sich gegen dessen Versuch, transkulturelle, ahistorische und abstrakte Gesetze entdecken zu wollen; nach Ansicht der Poststrukturalisten kann der Wandel der Gesellschaften so nicht erklärt werden, der Poststrukturalismus stellt den Strukturbegriff des klassischen Strukturalismus in Frage. Das Verhältnis von Poststrukturalismus und Strukturalismus besteht freilich sowohl aus Brüchen als auch Kontinuitäten, etwa in der grundsätzlichen Fragestellung.
Konsequenterweise gerät auch der Wandel selbst in den Fokus; und die (politische) Frage danach, wie gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Formationen, die mit Macht und Zwang verknüpft sind, durch subversive Praktiken verändert werden können.
Roland Barthes
ich weiß nicht ob das hier einen eintrag wert ist, aber in gewisser weise würde man roland barthes, im gegensatz zum im artikel geschehenen, weniger zum postrukturalismus als zum strukturalismus zählen , ich denke da liege ich richtig oder? --Tantotausend 11:07, 3. Jul 2006 (CEST)
- Du liegst richtig mit der Beobachtung, dass Roland Barthes auch zu den Vertretern des Strukturalismus gehört. Später "arbeitete" er jedoch poststrukturalistisch. Dieser Wechsel zum Poststrukturalismus liegt bei vielen Strukturalisten vor und hängt mit der engen Verbindung von Strukturalismus und Poststrukturalismus zusammen, da beide die Theorien von Ferdinand de Saussure als gemeinsamen Ausgangspunkt haben. --SCAS 12:52, 14. Jul 2006 (CEST)
- Hallo SCAS! Da du dich zum Thema auskennst: willst du nicht versuchen, den Artikel etwas zu verbessern? Grüße, Ca$e 15:20, 14. Jul 2006 (CEST)
Alte Version
Hier ein Link zur einer alten Version vor der Überarbeitung, zum Vergleich. http://de.wikipedia.org/w/i... --62.180.160.61 02:10, 17. Jul 2006 (CEST)Ich habe den alten Abschnitt "sozialhistorische Hintergründe" wieder eingefügt, da er weitaus ausführlicher ist, wörtliche Zitate bildet, und mir der Sinn dieser ganzen Verschlimmbesserung vollkommen entgeht. --62.180.160.24 03:56, 22. Jul 2006 (CEST)
Ich finde das ist ein Haufen Schrott, habe aber keine Lust, mich hier zu lange aufzuhalten. Alle relevante Information war in dem angeblich "verstümmelten" Absatz enthalten. Die Zitate sind unbelegt, nichtssagend, redundant, nicht eingebettet und verunmöglichen die Lesbarkeit. Auch ist das hier der Artikel Poststrukturalismus, nicht Kommunistische Theorie. Ruiniere einfach den Artikel so lange, bis ein Löschantrag gerechtfertigt ist. Ca$e 10:05, 22. Jul 2006 (CEST)
- Am besten den Artikel zusammenstreichen, bis nur noch das nackte Skelett mit wenigen rohen äußeren Daten übrig ist und warten, bis mal jemand kommt, der sich an die Ausarbeitung wagt. --Peter Hammer 03:13, 2. Aug 2006 (CEST)
Immerhin besser ist der Abschnitt unter [Philosophie der Gegenwart]. Ca$e 20:31, 16. Aug 2006 (CEST)
Anfrage an die Löscher
Was wird denn nun konkret bemängelt? Wie lauten die Änderungsvorschläge? Es wundert mich, dass hier nur diffus kritisiert wird, aber wenn es konkreter wird, plötzlich nichts mehr kommt. Was war (bitte mit welchen Quellen belegt) falsch an dem, mit Quellen belegten (!!), jetzt gelöschten Abschnitt? --62.134.89.5 13:13, 1. Okt 2006 (CEST)- Mein Fehler, der Abschnitt ist ja da, nur noch unten gewandert. Das oben gesagte gilt allerdings trotzdem als Frage an Cafe$ et Konsorten. --62.134.89.5 13:15, 1. Okt 2006 (CEST)
Überarbeiten
Werde den Artikel in Kürze vollständig überarbeiten - hat jemand was dagegen? --Olynth 21:56, 23. Okt. 2006 (CEST)überhaupt nicht, es kann nur besser werden! Ca$e 22:44, 1. Nov. 2006 (CET)
- dann fange ich in Kürze mal an --Olynth 13:16, 2. Nov. 2006 (CET)
- Solange z.B. die derzeitigen aussagekräftigen Zitate der Protagonisten erhalten bleiben, und die kulturellen, sozialen und politischen Hintergründe der Entstehung dieser Richtung auch nicht "entsorgt" werden sollen; solange es nicht ein für Laien unverständlicher, entpolitisierter und entkontextualisierter Fachgeschwurbel-Artikel werden soll, solange also nicht gelöscht, sondern ergänzt, und der Artikel also wirklich besser wird, gerne. Warum eine komplette Neufassung nörig sein soll, erschliesst sich mir nicht. Es wäre somit sicher von allgemeinem Interesse, darzulegen, was genau du denn eigentlich bemängelst, oder im Artikel vermisst, siehe dazu auch die Frage einen Abschnitt weiter oben. Leider scheinen Nutzer wie "Ca$e" ja keine Zeit dafür zu finden, ihre Kritik zu konkretisieren, und darzulegen, was genau denn am gegenwärtigen Artikel unrichtig oder schlecht ist, und "nur besser werden" kann. --62.180.160.174 14:45, 12. Nov. 2006 (CET)
- Es geht darum, den Artikel stärker zu straffen und lesbarer zu machen - mehr nicht. --Olynth 16:36, 12. Nov. 2006 (CET)
Zur Dekonstruktion
Wenn (wie im Artikel steht) die Dekonstruktion eher eine Praxis denn Methode ist, könnte man nicht ein Beispiel nennen? Das würde diesen doch recht abstrakten Absatz wesentlich erhellen. --84.188.189.182 17:24, 4. Nov. 2006 (CET)
- bin gerade in den Vorbereitungen zu dem Artikel sonst siehe unter Dekonstruktion --Olynth 19:10, 4. Nov. 2006 (CET)

