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Rudi Dutschke

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Der Artikel Rudi Dutschke gehört zur Kategorie: Deutscher, Mann, Revolutionär, Bündnis 90/Die Grünen-Mitglied, Geboren 1940, Gestorben 1979, Attentatsopfer, Exzellent
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Rudi Dutschke
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Rudi Dutschke (* 7. März 1940 als Alfred Willi Rudi Dutschke in Schönefeld bei Luckenwalde; † 24. Dezember 1979 in Århus, Dänemark), war ein Marxist und Soziologe. Er gilt als bekanntester Vertreter der westdeutschen Studentenbewegung. Später gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Partei Die Grünen. Dutschke war mit Gretchen Dutschke-Klotz verheiratet, der Mutter seiner drei Kinder Hosea-Che, Polly-Nicole, und Rudi-Marek. Er starb an den Spätfolgen eines Attentats, bei dem er schwere Hirnverletzungen davongetragen hatte.

Leben

Jugend und Studium

Rudi Dutschke, vierter Sohn eines Postbeamten, verbrachte seine Jugendjahre in der DDR. Er war in der evangelischen Jungen Gemeinde von Luckenwalde aktiv, wo er seine „religiös sozialistische“ Grundprägung erhielt. Als Leistungssportler (Zehnkampf) wollte er zunächst Sportreporter werden und trat deshalb 1956 in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.

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Gedenktafel vor dem Luckenwalder Gymnasium
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Durch den Ungarischen Volksaufstand im selben Jahr wurde Dutschke politisiert. Er ergriff Partei für einen Demokratischen Sozialismus, der sich gleichermaßen von den USA und der Sowjetunion distanzierte. Der SED stand er ebenfalls ablehnend gegenüber. Im Gegensatz zum antifaschistischen Anspruch ihrer Staatsideologie sah er die alten Strukturen und Mentalitäten im Osten ebenso fortdauern wie im Westen.

1957 trat er öffentlich gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft und für Reisefreiheit ein. Er verweigerte den (damals freiwilligen) Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und rief andere dazu auf. Nach seinem Abitur 1958 und seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Luckenwalder Volkseigenen Betrieb verwehrten die DDR-Behörden ihm daher das gewünschte Sportstudium.

Daraufhin pendelte Dutschke regelmäßig nach West-Berlin und wiederholte dort sein Abitur am Askanischen Gymnasium Berlin. Nebenher schrieb er Sportreportagen, unter anderem für die B.Z. aus dem Axel-Springer-Verlag. 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, siedelte er nach West-Berlin über, um Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft an der Freien Universität (FU) zu studieren. Ihr blieb er bis zu seiner Promotion 1973 verbunden.

Zunächst studierte Dutschke den Existentialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres, bald aber auch Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung: Er las die Frühschriften von Karl Marx, Werke der marxistischen Geschichtsphilosophen Georg Lukács und Ernst Bloch sowie der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse). Angeregt durch die Begegnung mit der US-amerikanischen Theologiestudentin Gretchen Klotz – seiner späteren Frau – las er auch Werke von Theologen wie Karl Barth und Paul Tillich. Aus seinem christlich geprägten wurde nun ein marxistisch fundierter Sozialismus. Dabei betonte er jedoch immer die Entscheidungsfreiheit des Individuums gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Studentenbewegung

Dutschke verband sein Studium schon früh mit praktischem Engagement. So gab er etwa die Zeitschrift Anschlag heraus, in der Kritik am Kapitalismus, die Probleme der Dritten Welt und neue politische Organisationsformen thematisiert wurden. Das Blatt galt wegen seiner „aktionistischen“ Ausrichtung im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) damals als „anarchistisch“.

1962 gründete Dutschke mit Bernd Rabehl eine Berliner Gruppe der Münchner „Subversiven Aktion“, die sich als Teil der Situationistischen Internationale verstand. 1964 ging die Gruppe um Dutschke im Berliner SDS auf. Im Jahr darauf wurde er in dessen politischen Beirat gewählt und bestimmte seine politische Richtung fortan mit.

Ab 1966 organisierte Dutschke mit dem SDS zahlreiche Demonstrationen für Hochschulreformen, gegen die Große Koalition, die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Die wachsende Studentenbewegung verknüpfte diese Themen und die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit miteinander und verstand sich nun als Teil einer Außerparlamentarischen Opposition (APO).

Am 23. März 1966 heiratete Dutschke Gretchen Klotz. Im Mai bereitete er den bundesweiten Vietnamkongress in Frankfurt am Main mit vor. Hauptreferate dort hielten bekannte Professoren der „Neuen Linken“ (u.a. Herbert Marcuse, Oskar Negt) und der eher „traditionalistischen“ Linken außerhalb der SPD (Frank Deppe, Wolfgang Abendroth).

In jenem Jahr wollte Dutschke mit einer Arbeit über Lukács bei Professor Hans-Joachim Lieber, dem damaligen Rektor der FU, promovieren. Nach Auseinandersetzungen um das politische Mandat des Berliner AStA und die Nutzung von Universitätsräumen für Aktionen gegen den Vietnamkrieg verlängerte Lieber Dutschkes Assistentenvertrag an der FU Berlin nicht. Damit schied eine akademische Laufbahn für ihn vorerst aus.

Nachdem ein Polizist am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen hatte, riefen Dutschke und der SDS bundesweit zu Sitzblockaden auf, um die Aufklärung der Todesumstände zu erzwingen. Zudem forderten sie den Rücktritt der Verantwortlichen für den Polizeieinsatz und die Enteignung des Verlegers Axel Springer. Die Studenten machten die kampagnenartige Berichterstattung der Zeitungen seines Verlags für Ohnesorgs Tod mitverantwortlich. Ihre Sicht wurde nun auch erstmals von etablierten Medien – dem Spiegel, der Frankfurter Rundschau und der Zeit – aufgegriffen. Jedoch solidarisierten sich nur wenige Professoren, darunter Dutschkes Freund Helmut Gollwitzer, mit den protestierenden Studenten.

Podiumsdiskussionen und Interviews, u.a. mit Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf und Günter Gaus, machten Dutschke nun auch bundesweit bekannt. Wichtiger war ihm jedoch der Kontakt zu jungen Arbeitern. Dies zeigte er z.B. bei einem im Februar 1968 von Jungsozialisten im Ruhrgebiet organisierten Streitgespräch mit Johannes Rau zum Thema: „Sind wir Demokraten?“ Auf für ihn typische antiautoritäre Art zeigte sich Dutschke unangepasst und respektlos, redete Rau als „Genosse“ an, kritisierte parlamentarische Rituale und Institutionen und forderte eine „Einheitsfront von Arbeitern und Studenten“. Dieses Ziel behinderte er jedoch häufig selbst durch seine akademisch-soziologische Ausdrucksweise und seinen intellektuellen Habitus.

Sein Auftreten polarisierte die Öffentlichkeit; er erfuhr zunehmend auch Ablehnung und Hass. Die Zeitungen des Springerverlags und viele Regionalzeitungen setzten ihn - wie die 68er insgesamt, als deren Symbolfigur er nun galt - u.a. mit Hinweisen auf sein „ungepflegtes Äußeres“ und seine DDR-Herkunft herab. Als er bei einem „Go-in“ im Weihnachtsgottesdienst 1967 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche versuchte, eine Diskussion über den Vietnamkrieg herbeizuführen, schlug ein wütender Gottesdienstbesucher ihn nieder und verletzte ihn.

Im Zusammenhang vieler damaliger Bildungsreformanläufe hatte Dutschke eine „Kritische Universität“ an der FU West-Berlins mit vorbereitet. Im Wintersemester 1967/68 führten etwa 400 West-Berliner Studenten in Eigenregie 33 Arbeitskreise durch. Sie befassten sich überwiegend mit Fragen der Hochschulreform und mit Berufschancen für Akademiker in der arbeitsteiligen Gesellschaft; zwei Arbeitskreise thematisierten „Wirtschaftskrise und Sozialpolitik in Westberlin“ oder „Rechtsstaat und Demokratie in Deutschland“. Sie sollten nach dem Vorbild ähnlicher Versuche an den Universitäten von Berkeley und Paris eigene Vorstellungen basisdemokratischen Lernens umsetzen und mit dem Aufbau einer für Schüler und Arbeiter offenen „Gegenuniversität“ beginnen.

Nach Ablehnung durch den Akademischen Senat der FU fand am 17. und 18. Februar 1968 an der Berliner TU der Vietnamkongress mit einigen tausend Studenten statt. Die Abschlussdemonstration war mit mehr als zehntausend Teilnehmern die bis dahin größte deutsche Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg in der Bundesrepublik. Dabei rief Dutschke zur massenhaften Desertion amerikanischer Soldaten und zur „Zerschlagung der NATO“ auf. Sein Plan, die polizeilich genehmigte Route zu verlassen und vor den amerikanischen Kasernen zu demonstrieren, wurde jedoch fallengelassen, da mit Schusswaffengebrauch der Wachsoldaten zu rechnen war.

Bei einer vom Berliner Senat organisierten „Pro-Amerika-Demonstration“ am 21. Februar 1968 trugen Teilnehmer Plakate mit der Aufschrift „Volksfeind Nr. 1: Rudi Dutschke“. Ein Passant wurde mit Dutschke verwechselt und von Demonstrationsteilnehmern lebensgefährlich bedroht.

Attentat

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Gedenktafel für Rudi Dutschke
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Am 11. April 1968 wurde Dutschke vor dem SDS-Büro von dem jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann abgepasst, der drei Schüsse auf ihn abfeuerte. Er erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation. Heute erinnert eine Gedenktafel am Tatort vor dem Haus Kurfürstendamm 141 an das Attentat.

Bachmanns Motive wurden nie ganz aufgeklärt; man fand bei ihm ein Zeitungsfoto von Dutschke und die Nationalzeitung und vermutete daher rechtsextreme Hintergründe. Viele Studenten machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die demonstrierenden Studenten agitiert hatte. Die Bild-Zeitung z.B. hatte Tage zuvor zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“ aufgerufen. Bei den folgenden Protestkundgebungen kam es zu den bis dahin schwersten Ausschreitungen, bei denen auch das Gebäude des Springerverlags angegriffen und Auslieferungsfahrzeuge für seine Zeitungen angezündet wurden.

Dutschke eignete sich Sprache und Gedächtnis in monatelanger Sprachtherapie mühsam wieder an. Zur Genesung hielt er sich ab 1969 in der Schweiz, Italien und Großbritannien auf. Nach vorübergehender Ausweisung von dort durfte er 1970 ein Studium an der Universität Cambridge anfangen. Nach dem Regierungswechsel 1970 wurde seine Aufenthaltserlaubnis jedoch aufgehoben. Daraufhin zog er nach Dänemark, wo ihn die Universität von Århus als Soziologiedozenten anstellte.

Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dutschke nahm brieflich Kontakt mit ihm auf, erklärte ihm, er habe keinen persönlichen Groll gegen ihn und versuchte, ihm ein sozialistisches Engagement nahezubringen. Bachmann beging jedoch am 24. Februar 1970 im Gefängnis Suizid. Dutschke bereute, ihm nicht öfter geschrieben zu haben: …der Kampf für die Befreiung hat gerade erst begonnen; leider kann Bachmann daran nun nicht mehr teilnehmen…

Spätzeit

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Rudi Dutschke (vorn links) auf der Anti-AKW-Demonstration am 14. Oktober 1979 in Bonn
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Ab 1972 bereiste Dutschke wieder die Bundesrepublik. Er suchte Gespräche mit Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, darunter Gustav Heinemann, dessen Ziel eines blockfreien entmilitarisierten Gesamtdeutschlands er teilte. Am 14. Januar 1973 redete er auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Bonn erstmals nach dem Attentat wieder öffentlich. Ab Juli besuchte er mehrmals Ost-Berlin und traf dort Wolf Biermann, mit dem er fortan befreundet blieb. Auch mit anderen SED-Dissidenten wie Robert Havemann und später Rudolf Bahro nahm er Kontakt auf.

1974 veröffentlichte er seine Dissertation und erhielt ein Jahr darauf ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der FU Berlin. Im Februar leitete er eine Podiumsdiskussion über „Solschenizyn und die Linke“, in der er für Menschenrechte in der Sowjetunion und im Ostblock eintrat. Seit 1976 war er Mitglied im Sozialistischen Büro, einer „undogmatischen“ linken Gruppe, die im Zerfall des SDS entstanden war. Hier engagierte er sich für den Aufbau einer Partei, die grün-alternative und linke Initiativen ohne die K-Gruppen vereinen sollte.

1977 wurde er freier Mitarbeiter verschiedener linksgerichteter Zeitungen und Gastdozent an der Universität Groningen in den Niederlanden. Er unternahm Vortragsreisen über die Studentenbewegung, nahm am „Internationalen Russell-Tribunal" gegen Berufsverbote und an Großdemonstrationen der Atomkraftgegner in Wyhl am Kaiserstuhl, Bonn und Brokdorf teil.

Nachdem Bahro in der DDR zu acht Jahren Haft verurteilt worden war, organisierte und leitete Dutschke im November 1978 den Bahro-Solidaritätskongress in West-Berlin. 1979 wurde er Mitglied der Grünen Liste in Bremen und beteiligte sich an ihrem Wahlkampf. Nach ihrem Einzug in das Stadtparlament wurde er zum Delegierten für den Gründungskongress der Partei Die Grünen gewählt.

Am 24. Dezember 1979 ertrank Dutschke zuhause in der Badewanne infolge eines epileptischen Anfalls, einer Spätfolge des Attentats. Am 3. Januar 1980 wurde er auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem feierlich beigesetzt. Etwa 6000 Gäste begleiteten den Trauerzug, Helmut Gollwitzer hielt die Traueransprache.Grab von Rudi Dutschke (1940-1979), St. Annen Kirchhof, Dahlem-Dorf

Denken

Grundposition

Dutschke verstand sich seit seiner Jugendzeit als antiautoritärer demokratischer Sozialist. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem überzeugten revolutionären Marxisten, der sich in die weithin vergessenen libertären Traditionen der Arbeiterbewegung stellte und sowohl vom Reformismus wie vom Stalinismus abgrenzte.

Dutschkes Ziel war die totale Befreiung der Menschen von Krieg, Hunger, Unmenschlichkeit und Manipulation durch eine „Weltrevolution“. Mit dieser radikalen Utopie knüpfte er an den christlichen Sozialismus seiner Jugend an, auch wenn er nicht mehr an einen persönlichen Gott glaubte. 1978 bekannte er bei einem Treffen mit Martin Niemöller:

Ich bin ein Sozialist, der in der christlichen Tradition steht. Ich bin stolz auf diese Tradition. Ich sehe Christentum als spezifischen Ausdruck der Hoffnungen und Träume der Menschheit.

Ausdruck dafür waren die lebenslange Freundschaft zu Helmut Gollwitzer und der Doppelname seines ersten Sohnes „Hosea-Che“, der auf den biblischen Propheten Hosea und den argentinischen Guerilla-Kämpfer Che Guevara anspielte.

Ökonomische Analyse

Dutschke versuchte, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie auf die Gegenwart anzuwenden und weiterzuentwickeln. Er sah das Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik als Teil eines weltweiten komplexen Kapitalismus, der alle Lebensbereiche durchdringe und die lohnabhängige Bevölkerung unterdrücke. Die soziale Marktwirtschaft beteilige das Proletariat zwar am relativen Wohlstand der fortgeschrittenen Industrieländer, binde es dadurch aber in den Kapitalismus ein und täusche es über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinweg.

Repräsentative Demokratie und Parlamentarismus waren daher für Dutschke Ausdruck einer „repressiven Toleranz“ (Herbert Marcuse), die die Ausbeutung der Arbeiter verschleiere und die Privilegien der Besitzenden schütze. Diese Strukturen sah er als nicht reformierbar an; sie müssten vielmehr in einem langwierigen, international differenzierten Revolutionsprozess umgewälzt werden, den er als „langen Marsch durch die Institutionen“ bezeichnete.

In der Bundesrepublik erwartete Dutschke nach dem Wirtschaftswunder eine Periode der Stagnation: Die Subventionierung unproduktiver Sektoren wie Landwirtschaft und Bergbau werde künftig nicht mehr finanzierbar sein. Der dadurch absehbare massive Abbau von Arbeitsplätzen im Spätkapitalismus werde eine Strukturkrise erzeugen, die den Staat zu immer tieferen Eingriffen in die Wirtschaft veranlassen und in einen „integralen Etatismus“ münden werde: Der Staat werde die Wirtschaft lenken, aber das Privateigentum formal beibehalten. Dieser Zustand sei nur mit Gewalt gegen die aufbegehrenden Opfer der Strukturkrise zu stabilisieren.

Im technischen Fortschritt sah Dutschke Ansatzpunkte für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung: Automatisierung, Computerisierung und Nutzung der Atomkraft zu friedlichen Zwecken ließen die Notwendigkeit der Lohnarbeit zunehmend wegfallen. Damit werde Arbeitszeit freigesetzt, die gegen das „System“ aktiviert werden könne. Für den nötigen Umsturz fehle der Bundesrepublik jedoch ein „revolutionäres Subjekt“. Gestützt auf Marcuse (Der eindimensionale Mensch) glaubte Dutschke, ein gigantisches System von Manipulation stelle eine neue Qualität von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus sich heraus fähig sind, sich zu empören. Die deutschen Proletarier lebten verblendet in einem „falschen Bewusstsein“ und könnten die strukturelle Gewalt des kapitalistischen Staates daher nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche sei damit geschichtlich unmöglich geworden.

Antiimperialistische Gewalt und antiautoritäre Provokation

Dutschke glaubte wie viele seiner Mitstreiter im SDS, der Vietnamkrieg der USA, die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik und die stalinistischen Bürokratien im Ostblock hätten bei aller Verschiedenheit einen gemeinsamen Aspekt: Sie seien Glieder der weltweiten Kette der autoritären Herrschaft über die entmündigten Völker (Kai Hermann 1967, S.69)

Jedoch seien die Bedingungen für die Überwindung des weltweiten Kapitalismus in den reichen Industriestaaten und der „Dritten Welt“ unterschiedlich. Anders als Marx es erwartet hatte, werde die Revolution nicht im hochindustrialisierten Mitteleuropa beginnen, sondern von den verarmten und unterdrückten Völkern der „Peripherie“ des Weltmarkts ausgehen.

Im Vietnamkrieg sah er den Beginn dieser revolutionären Entwicklung, die auch auf andere Dritte-Welt-Länder übergreifen könne. Er bejahte dazu ausdrücklich die Militärgewalt des Vietcong:

Dieser revolutionäre Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.
Er teilte hier die antiimperialistische Theorie von Frantz Fanon und Che Guevara, wonach der von „revolutionärem Hass“ geleitete Befreiungskampf der Völker zuerst die „schwächsten Glieder“ in der Kette des Imperialismus zerreißen sollte: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams!

Dutschke schloss Gewalt auch für die Bundesrepublik nicht aus:

Wir dürfen [...] von vornherein nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das würde nur ein Freibrief für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten.
In einem Interview sagte er auf die Frage, ob er sich von Gewalt distanziere, im Jahre 1968:
Nein, aber die Höhe unserer Gegengewalt bestimmt sich durch das Maß der repressiven Gewalt der Herrschenden.
In diesem reziproken Sinn hielt er einen Guerillakrieg in der deutschen Situation nicht für angemessen. Der langfristige Erfolg von Umsturzversuchen in der Dritten Welt hing für ihn davon ab, dass auch den „Massen“ in den „Metropolen“ des Kapitalismus ihre Unterdrückung bewusst werde. Er glaubte, dass die hiesige antiautoritäre Studentenbewegung diesen Zusammenhang zuerst erkennen würde und die Verblendung des „verbürgerlichten“ Proletariats von den Universitäten her allmählich aufbrechen könne. Dennoch wollte er auf die Gewaltoption ausdrücklich nicht verzichten.

Schon 1965 verlangte Dutschke: Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich. Am 21. Oktober 1967 konkretisierte er die Zielrichtung dieser Konfrontation:

Die Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kap[italistischen] Ordnung führt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als ’Diktatur der Gewalt’, wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen (Parlament, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus oder SFB, Amerika-Haus, Botschaften der unterdrückten Nationen, Armeezentren, Polizeistationen u.a.m.).

„Organisierte Irregularität“, also systematische Verstöße gegen die Regeln des bürgerlichen Staates sollten diesen zu gewalttätigen Reaktionen provozieren. Die „sinnliche Erfahrung“ dieser sonst „latenten“ staatlichen Gewalt und Aufklärung darüber sollten gemeinsam das „falsche Bewusstsein“ aufheben und die tatsächliche Unfreiheit zunächst bei den Akteuren, dann auch bei deklassierten Arbeitern und Arbeitslosen transparent machen. Der Revolutionär revolutioniere sich damit gleichsam selbst: Dies sei die entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen.

Die Protestformen der APO setzten diese „antiautoritäre Provokation“ zum Teil um und nahmen die Öffentlichkeit zur Politisierung der Bevölkerung in Anspruch. Dazu wurden z.B. Demonstrationsverbote missachtet und vorgeschriebene Demonstrationsorte und -routen verlassen. Sitzstreiks, „Go-Ins“, Tomatenwürfe und „Pudding-Attacken“ auf Staatsbesucher und Herrschaftssymbole usw. sollten den bürgerlichen Staat zwingen, seine „liberale Maske“ abzulegen und die Gewalt offen zu zeigen, die ihm strukturell inhärent sei.

Nach Benno Ohnesorgs Erschießung schien dieses Konzept aufzugehen: Die Reaktion der Staatsgewalt auf die Demonstrationen entsetzte viele Menschen und motivierte sie zu verstärktem Protest. 1968 erreichte dieser ein Ausmaß, das eine Revolution für viele der damals Beteiligten greifbar nahe zu rücken schien.

Dutschke glaubte wie viele im SDS damals, man könne Staat und Volk in einen zunehmend gewaltsam ausgetragenen Widerspruch treiben und so eine Revolution herbeiführen:

Es hängt primär von unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte ausgeht […] Es hängt von unseren schöpferischen Fähigkeiten ab, kühn und entschlossen die sichtbaren und unmittelbaren Widersprüche zu vertiefen und […] kühn und allseitig die Initiative der Massen zu entfalten.

Gegen dieses Konzept erhob Jürgen Habermas am 9. Juni 1967 zwei scharfe Vorwürfe: Die Revolution allein von der Entschiedenheit der Revolutionäre abhängig zu machen, wie es die Anarchisten des 19. Jahrhunderts getan hatten, statt marxistisch auf die Entwicklung der Produktionsverhältnisse zu setzen, nannte er „Voluntarismus“. Als „linken Faschismus“ bezeichnete er Dutschkes Vorhaben, die sublime Gewalt, die notwendig in den Institutionen enthalten ist, manifest werden zu lassen: Dadurch würden Faschismustendenzen in Staat und Volk erst geweckt, statt sie zu verringern. Später bedauerte Habermas seine Wortwahl, hielt den Vorwurf aber der Sache nach aufrecht.

Dutschke dagegen glaubte, nur Gegenwehr könne die Staatsgewalt zurückdrängen und so Menschenleben retten:Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Tagebücher 1963-1979, 10. Juni 1967, S. 45

H[abermas] will nicht begreifen, dass allein sorgfältige Aktionen Tote, sowohl für die Gegenwart als auch noch mehr für die Zukunft 'vermeiden' können. Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der größte Schutz, nicht 'organisierte Abwiegelei' a la H[abermas]. Der Vorwurf der 'voluntaristischen Ideologie' ehrt mich…

Dutschke unterschied Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen; letztere lehnte er zwar nicht prinzipiell, aber für die bundesdeutsche Situation ab. Auch an Gewalt gegen Sachen beteiligte er sich nicht aktiv, wenn er auch Sprengstoffanschläge auf einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN oder ein Schiff mit Versorgungsgütern für die US-Armee in Vietnam mit vorbereitete. Beide Anschläge blieben unausgeführt, teils wegen praktischer Probleme, teils weil Verletzung von Personen nicht ausgeschlossen werden konnte.

Auf die Frage: Würden Sie für Ihre revolutionären Ziele notfalls auch mit der Waffe in der Hand eintreten? antwortete er im Dezember 1967:

Wäre ich in Lateinamerika, würde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen. Ich bin nicht in Lateinamerika, ich bin in der Bundesrepublik. Wir kämpfen dafür, dass es nie dazu kommt, dass Waffen in die Hand genommen werden müssen. Aber das liegt nicht bei uns. Wir sind nicht an der Macht. Die Menschen sind sich ihres eigenen Schicksals nicht bewusst … Wenn 1969 der NATO-Austritt nicht vollzogen wird, wenn wir reinkommen in den Prozess der internationalen Auseinandersetzung – es ist sicher, dass wir dann Waffen benutzen werden, wenn bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder anderswo kämpfen – dass wir dann im eigenen Lande auch kämpfen werden.

Während er dies nach seinem Attentat nicht wiederholte, hielt er an der Aufklärung durch auch irreguläre Aktionen fest. Im Rückblick sah er sein Konzept durchaus als wirksam an (Tagebuch 4. März 1974): Nach dem Vietnam-Kongress war der Höhepunkt der faschistoiden Tendenz bald beseitigt.

Verhältnis zum Terrorismus

Dutschke grenzte sich als antiautoritärer Marxist stets von allen „Kader“-Konzepten ab, die sich von der Bevölkerung isolierten und deren Bewusstwerdung verhinderten. Ebenso kritisch stand er auch dem „Individualterror“ gegenüber, der nach dem Zerfall des SDS seit 1970 von verschiedenen linksradikalen Gruppen wie den „Tupamaros Westberlin“ oder der RAF verübt wurde.

Am 9. November 1974 starb das RAF-Mitglied Holger Meins an einem Hungerstreik im Gefängnis. Bei seiner Beerdigung rief Dutschke mit erhobener Faust: Holger, der Kampf geht weiter! Auf die heftige Kritik daran reagierte er nach dem Mord an Günter von Drenkmann mit einem Leserbrief an den Spiegel, in dem er erklärte:

'Holger, der Kampf geht weiter' – das heißt für mich, dass der Kampf der Ausgebeuteten und Beleidigten um ihre soziale Befreiung die alleinige Grundlage unseres politischen Handelns als revolutionäre Sozialisten und Kommunisten ausmacht. […] Die Ermordung eines antifaschistischen und sozialdemokratischen Kammer-Präsidenten ist aber als Mord in der reaktionären deutschen Tradition zu begreifen. Der Klassenkampf ist ein Lernprozess. Der Terror aber behindert jeden Lernprozess der Unterdrückten und Beleidigten.
In einem Privatbrief an den späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve vom 1. Februar 1975 erklärte Dutschke sein Auftreten an Meins’ Grab für zwar psychologisch verständlich, politisch aber nicht angemessen reflektiert.

Am 7. April 1977, dem Tag des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, notierte er in sein Tagebuch:

Der Bruch der linken Kontinuität im SDS, die verhängnisvollen Auswirkungen werden erkennbar. Was tun? Die sozialistische Partei wird immer unerlässlicher!
Er sah nun eine Parteigründung links von der SPD als notwendige Alternative zum Terrorismus an.

Im Deutschen Herbst 1977 wurde vielen Linksintellektuellen vorgeworfen, sie hätten den „geistigen Nährboden“ der RAF geschaffen. In der Zeit vom 16. September gab Dutschke den Vorwurf an die „herrschenden Parteien“ zurück und warnte vor den Folgen des Terrors:

Der individuelle Terror [führt] später in die individuelle despotische Herrschaft, aber nicht in den Sozialismus.
Dennoch griff ihn z.B. die Stuttgarter Zeitung vom 24. September des Jahres persönlich als Wegbereiter der RAF an:
Es ist Rudi Dutschke gewesen, der […] gefordert hatte, das Konzept Stadtguerilla müsse hierzulande entwickelt und der Krieg in den imperialistischen Metropolen entfesselt werden.
Dagegen meinte Dutschke, das Attentat auf ihn habe ein geistiges, politisches und sozialpsychologisches Klima der Unmenschlichkeit hervorgerufen (Nachlass, 2. August 1978), und betonte in einem Rückblick auf seine Entwicklung im Dezember 1978 nochmals (Gekrümmt vor dem Herrn... S. 575):
Individueller Terror […] ist massenfeindlich und antihumanistisch. Jede kleine Bürgerinitiative, jede politisch-soziale Jugend-, Frauen-, Arbeitslosen-, Rentner- und Klassenkampfbewegung […] ist hundertmal mehr wert und qualitativ anders als die spektakulärste Aktion des individuellen Terrors.

Verhältnis zum Realsozialismus

Für Dutschke waren Demokratie und Sozialismus untrennbar miteinander verbunden. Die Verfügung der Arbeiter über die Produktionsmittel sollte das Erbe der Französischen Revolution, die Bürgerrechte, bewahren und die freie Entfaltung des Individuums ermöglichen und erweitern.

Deshalb grenzte er sich seit 1956 gegen den Leninismus der Sowjetunion und der von ihr beherrschten Staaten ab. Er sah diesen als doktrinäre Entartung des genuinen Marxismus zu einer neuen „bürokratischen“ Herrschaftsideologie. Er forderte und erwartete seit dem 17. Juni 1967 auch im Ostblock eine durchgreifende Revolution zu einem selbstbestimmten Sozialismus. Im SDS setzte er sich intensiv mit den DDR-Sympathisanten und „Traditionalisten“ und ihrem an Lenins Konzept einer Kaderpartei angelehnten Revolutionsverständnis auseinander. Ein Stasispitzel im SDS meldete daraufhin in das Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin, Dutschke vertrete „eine völlig anarchistische Position“; ein anderer IM meldete: Dutschke spricht ausschließlich vom Scheißsozialismus in der DDR.

Den Prager Frühling begrüßte Dutschke vorbehaltlos. Nach dessen Niederschlagung übte er Selbstkritik, weil der SDS mit der SED gegen den Vietnamkrieg zusammengearbeitet hatte:

Sind wir gar einem riesigen Fremd- und Eigenbetrug anheimgefallen? […] Warum geht eine SU (ohne Sowjets), die sozialrevolutionäre Bewegungen in der Dritten Welt unterstützt, imperialistisch gegen ein Volk vor, welches selbständig unter Führung der kommunistischen Partei die demokratisch-sozialistische Initiative ergriff? […] Ohne Klarheit an dieser Ecke ist ein sozialistischer Standpunkt der konkreten Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Echtheit unmöglich, werden gerade die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Beleidigten in der BRD und der DDR im besonderen nicht bereit sein, über Lohnkämpfe hinaus in den politischen Klassenkampf einzusteigen.
Eine Zeit lang begrüßte Dutschke Mao Zedongs Kulturrevolution wie auch die Roten Khmer unter Pol Pot als Beitrag zur erhofften Entbürokratisierung des Staatskommunismus und zur Überwindung der „Asiatischen Produktionsweise“. Doch schon 1968 grenzte er sich unter dem Einfluss von Ernest Mandel vom Maoismus ab. Von den nun entstehenden K-Gruppen, die sich kritiklos an die Volksrepublik China oder Albanien anlehnten, distanzierte er sich ebenfalls.

Dutschkes Dissertation (Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen, 1974) erklärte die Ursachen der sowjetisch-chinesischen Fehlentwicklung im Gefolge Karl August Wittfogels mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse. Er vertrat hier die Ansicht, dass die Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution in Russland nie bestanden hätten, und nahm stattdessen eine ungebrochene Kontinuität der „asiatischen Despotie“ von Dschingis Khan bis zu Stalins Zwangskollektivierung und Zwangsindustrialisierung an. Während Lenin 1905 noch für die Entfaltung des Kapitalismus in Russland plädiert habe, damit dort eine echte Arbeiterklasse heranwachsen könne, sei schon sein „Oktoberputsch“ von 1917 als Rückfall in die „allgemeine Staatssklaverei“ anzusehen. Die Entwicklung zu Stalin sei logische Folge von Lenins Parteien- und Fraktionsverbots gewesen. Stalins Versuch, die Produktivität der Sowjetunion durch brutale Zwangsindustrialisierung zu steigern, habe ihre Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt nie beseitigen können. Er habe nur einen neuen Imperialismus hervorgebracht, so dass militärische Unterstützung von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und Unterdrückung von selbstbestimmten Sozialismusversuchen im Ostblock eine logische Einheit darstellten.

Der Stalinismus sei manifester „Anti-Kommunismus“, der eine „Monopolbürokratie“ geschaffen habe, die nicht minder aggressiv sei als die „Monopolbourgeoisie“, die Stalin für den deutschen Faschismus verantwortlich machte. Somit sei es kein Zufall, dass seine Gulags und Konzentrationslager nach 1945 nicht verschwunden, sondern aufrecht erhalten worden seien. Diesen systembedingten, nicht als „Entartung“ der Politik Lenins zu begreifenden Charakter der Sowjetunion hätten auch Leo Trotzki, Bucharin, Karl Korsch, Rudolf Bahro, Jürgen Habermas und andere marxistische Kritiker und Analytiker nicht voll erkannt.

Der isolierte „Sozialismus in einem Land“ sei eine „antidynamische Sackgassenformation“, die sich nur noch durch Kredite und Importe aus dem Westen am Leben erhalten könne. Alle ihre scheinbaren inneren Reformanläufe seit Chrustschow und dem 20. Parteitag 1956 seien nur Mittel zum Überleben der ZK-Bürokratie gewesen:Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin S. 130

Von pseudo-linker, gutgemeinter moralisch-romantischer Position kann man es gutheißen, Produktionsweisen zu 'überspringen', mit einem sozialistischen Standpunkt hatte (und hat) die Moskauer Position desgleichen wie die Pekinger nie etwas zu tun.
Aufgrund dieser eindeutigen Haltung galt Dutschke der Stasi bis zum Ende der DDR 1990 als Autor jenes „Manifests des Bundes Demokratischer Kommunisten“, das der Spiegel im Januar 1978 veröffentlichte. Es forderte wie seine Dissertation den Übergang von der asiatischen Produktionsweise des bürokratischen „Staatskapitalismus“ zur sozialistischen Volkswirtschaft, von der Einparteiendiktatur zu Parteienpluralismus und Gewaltenteilung. Erst 1998 stellte sich Hermann von Berg, ein Leipziger SED-Dissident, als Autor heraus.Gretchen Dutschke-Klotz, Rudi Dutschke S. 424f

Verhältnis zum Parlamentarismus

Dutschke lehnte die repräsentative Demokratie in den sechziger Jahren ab, weil er das Parlament nicht als Volksvertretung ansah. In einem Fernsehinterview erklärte er am 3. Dezember 1967:
Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar. Das heißt, wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung – die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung – ausdrücken. Sie können jetzt fragen: Welche wirklichen Interessen? Aber da sind Ansprüche da. Sogar im Parlament. Wiedervereinigungsanspruch, Sicherung der Arbeitsplätze, Sicherung der Staatsfinanzen, in Ordnung zu bringende Ökonomie, all das sind Ansprüche, die muss aber das Parlament verwirklichen. Aber das kann es nur verwirklichen, wenn es einen kritischen Dialog herstellt mit der Bevölkerung. Nun gibt es aber eine totale Trennung zwischen den Repräsentanten im Parlament und dem in Unmündigkeit gehaltenen Volk.
Um diese Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten zu überwinden, sprach er sich für eine Räterepublik aus, die er in West-Berlin vorbildhaft aufbauen wollte. Wie in der Pariser Kommune sollten sich auf der Basis selbstverwalteter Betriebe Kollektive von höchstens dreitausend Menschen bilden, um ihre Angelegenheiten im herrschaftsfreien Diskurs, mit Rotationsprinzip und imperativem Mandat ganzheitlich selbst zu regeln. Polizei, Justiz und Gefängnisse würden dann überflüssig. Auch werde man nur fünf Stunden täglich arbeiten müssen.
Früher war der Betrieb die Ebene, wo das Leben totgeschlagen wurde. Indem die Fabrik unter eigene Kontrolle genommen wird, kann sich in ihr Leben entfalten. Arbeit kann dann Selbsterzeugung des Individuums bedeuten statt Entfremdung.

Als Keimzellen solcher Kollektive schlug er politische „Aktionszentren“ vor, die das studentische Milieu mit der Lebenswelt der Arbeiter vermitteln und andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren sollten. Dies fand er später in den Bürgerinitiativen, der Alternativ- und Ökologiebewegung teilweise realisiert.

Vor wie nach dem Attentat grenzte er sich von fast allen bestehenden Parteien ab und suchte ständig nach neuen, unmittelbar wirksamen Aktionsformen. Zugleich fand er im italienischen Eurokommunismus Geistesverwandte und erwog schon früh die Gründung einer neuen Linkspartei. Doch seine Skepsis gegen eine verselbständigte „revisionistische“ Partei-Elite überwog.

Seit 1976 engagierte Dutschke sich für den Aufbau einer ökosozialistischen Partei, die die neuen außerparlamentarischen Bewegungen bündeln und parlamentarisch wirksam werden lassen sollte. Ab 1978 setzte er sich mit anderen für eine grünalternative Liste ein, die an den kommenden Europawahlen teilnehmen sollte. Im Juni 1979 gewann Joseph Beuys ihn für gemeinsame Wahlkampfauftritte. Mit seinem Eintritt in die Grüne Liste Bremens, die als erster grüner Landesverband die Fünf-Prozent-Hürde übersprang, hatte er sich schließlich dem Parlamentarismus zugewandt.

Auf dem Programmkongress der Grünen in Offenbach am Main trat Dutschke in Verbindung mit der „Deutschen Frage“ für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen und damit für ein Widerstandsrecht gegen die Militärblöcke in West wie Ost ein. Dieses Thema warf sonst niemand auf, da es der strikten Gewaltfreiheit widersprach, auf die sich die Mehrheit dann festlegte: Die Grünen verstanden sich damals als streng pazifistische Antiparteienpartei.Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O. S. 472f

Verhältnis zur Deutschen Einheit

Die deutsche Teilung war für Dutschke schon seit seiner DDR-Jugend ein Anachronismus, da beide deutschen Teilstaaten das Erbe des Faschismus erst noch zu überwinden hätten. Die Berliner Mauer versuchte er am 14. August 1961 einzureißen und wurde dafür in West-Berlin inhaftiert.

Dutschkes nach dem 17. Juni 1967 entworfenes, damals kaum beachtetes Modell einer „befreiten Räterepublik Berlin“ sollte auf Ostdeutschland ausstrahlen und Vorbild einer künftigen gesamtdeutschen Basisdemokratie werden:

Wenn sich Westberlin zu einem neuen Gemeinwesen entwickeln sollte, würde das die DDR vor eine Entscheidung stellen: entweder Verhärtung oder wirkliche Befreiung der sozialistischen Tendenzen in der DDR. Ich nehme eher das letztere an.
Er bejahte die Deutsche Wiedervereinigung, die die westdeutsche Linke damals fast einhellig ablehnte, „als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen Spätkapitalismus und Revisionismus“ und somit als integralen Bestandteil einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in beiden deutschen Teilstaaten.

So wie er etwa den Vietnamkrieg als „nationale Befreiung“ vom Imperialismus begrüßte, so sah er die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs anzustrebende sozialistische Revolution als notwendige Stärkung des Selbstbewusstseins der Deutschen gegen die Fremdbestimmung von außen. Diese sollte den Rückfall in alten Nationalismus langfristig gerade verhindern.

Bernd Rabehl versuchte in seiner von der Fachwelt meist abgelehnten Biografie, seinen früheren Mitstreiter als Vertreter einer „nationalen Revolution“ zu vereinnahmen. Dem widersprach Gretchen Klotz energisch:Rudi Dutschke, Tagebücher 1963-1979, Nachwort Gretchen Dutschke-Klotz, S. 400

Rudi wollte die Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität abschaffen. […] Er kämpfte für ein antiautoritäres, demokratisches, vereintes Deutschland in einer antiautoritären, demokratischen und sozialistischen Welt. Er war kein 'Nationalrevolutionär', sondern ein internationalistischer Sozialist, der im Gegensatz zu anderen begriffen hatte, dass es politisch falsch ist, die nationale Frage zu ignorieren. […] Er suchte etwas ganz Neues, das nicht anschloss an die autoritäre, nationalchauvinistische deutsche Vergangenheit. Wer Rudi anders interpretiert, verfälscht seine Ideen.

Aktuelle Diskussion

Dutschkes Denken und Handeln wird heute besonders in Bezug auf sein Verhältnis zu Gewalt erneut kontrovers diskutiert. Umstritten ist nach wie vor sein auf Guevara gestütztes Konzept der „Stadtguerilla“, das er seit 1966 entwickelte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar sieht darin die theoretische Fundierung des Terrorismus, wie ihn die RAF später ausübte. Er zeigt anhand vieler, teilweise unveröffentlichter Aussagen Dutschkes, das Konzept sei kein „Verfalls- und Verzweiflungsprodukt der 68er-Bewegung“, sondern feste Begründung ihrer Aktionen gewesen. So hieß es im „Organisationsreferat“, das Dutschke mit Hans-Jürgen Krahl verfasst und am 5. September 1967 beim Bundeskongress des SDS in Frankfurt a.M. vorgetragen hatte:Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O. S. 151

Die 'Propaganda der Schüsse' (Che Guevara) in der 'Dritten Welt' muss durch die 'Propaganda der Tat' in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.
Die Frankfurter Rundschau folgerte, dass Dutschke propagierte, was Baader und die RAF praktizierten. Der Journalist Richard Herzinger wirft ihm und seinen Genossen vom SDS heute vor:
Indem sich die 68er dieser todessüchtigen Gewaltideologie des Trikont-Propheten Che Guevara anschlossen, verlangten sie also nicht nach weniger, sondern nach mehr Krieg, nicht nach weniger, sondern nach mehr Opfern.
Worin genau die von Dutschke geforderte „Irregularität“ bestehen sollte, ist jedoch mehrdeutig. Seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz und andere sehen hier gezielte konfrontative, aber nicht gewaltsame Regelverstöße zur Erweiterung demokratischer Handlungsspielräume. Sie schrieb dazu am Montag, dem 8. August 2005, in der taz:
Wenn Rudis Theorien zum Baader-Meinhof-Terrorismus geführt haben, dann hat Thomas Jefferson auch Osama Bin Laden inspiriert.
Wegen solcher Aussagen werfen manche deutsche Historiker ihr heute eine „Pflege des Mythos Dutschke“ vor.Pavel A. Richter (Universitaet Bielefeld): Rezension der Dutschke-Biografie von Gretchen Dutschke-Klotz für H-Soz-u-Kult

Auslöser für diese Diskussion war ein Vorschlag der taz, die Berliner Kochstraße in Berlin-Kreuzberg, in der auch das taz-Verlagshaus liegt, aus Anlass seines 25. Todestags in „Rudi-Dutschke-Straße“ umzubenennen. Die seit 1736 nach Johann Jacob Koch benannte Straße kreuzt die Friedrichstraße, führt am Axel-Springer-Haus vorbei und trifft im weiteren Verlauf auf die Axel-Springer-Straße.

Der Vorschlag löste heftige anhaltende Konflikte aus. Trotz der Zustimmung einer Mehrheit von Linkspartei und Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg am 29. August 2005 schob ein Verwaltungsgericht auf Klage von Anwohnern, darunter der Axel Springer AG, die zum 1. April 2006 vorgesehene Umbenennung auf. Seit Februar 2006 sammelt die CDU Unterschriften für ein Volksbegehren in dem Bezirk, um die Umbenennung zu stoppen.Bürgerbegehren von JU und CDU für den Erhalt der Kochstraße Parallel dazu sammelt die taz Unterschriften für die geplante Ehrung Dutschkes.taz-Aktion zur Straßenumbenennung

Referenzen

Werke

  • Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979. Hrsg. v. Gretchen Dutschke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. ISBN 3462032240 (Rezension)
  • Rudi Dutschke: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Hrsg. von Jürgen Miermeister. Klaus Wagenbach, Berlin 1991. ISBN 3803121981.
  • Rudi Dutschke: Lieber Genosse Bloch… – Briefe Rudi Dutschkes an Karola und Ernst Bloch. Hrsg. von Karola Bloch und Welf Schröter. Talheimer Verlag, Mössingen 1988, ISBN 3893760016
  • Rudi Dutschke: Aufrecht gehen – Eine fragmentarische Autobiographie. Olle und Wolter, Berlin 1981. ISBN 3883954276
  • Rudi Dutschke: Mein langer Marsch. Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren Hrsg. von Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister. Rowohlt, Reinbek 1980. ISBN 3499147181
  • Fritz J. Raddatz (Hrsg.): Warum ich Marxist bin. Kindler, München 1978, S. 95–135. ISBN 3463007185
  • Rudi Dutschke: Gekrümmt vor dem Herrn, aufrecht im politischen Klassenkampf: Helmut Gollwitzer und andere Christen. In: Andreas Baudis u.a. (Hrsg.): Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Für Helmut Gollwitzer zum 70. Geburtstag. Christian Kaiser, München 1978, S. 544–577. ISBN 3459011866
  • Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hrsg.): Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. Neue Kritik, Frankfurt am Main 1976, 2002. ISBN 3-8015-0142-6
  • Rudi Dutschke: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus. Klaus Wagenbach, Berlin 1974, 1984. ISBN 3-8031-3518-4
  • Rudi Dutschke: Zur Literatur des revolutionären Sozialismus von K. Marx bis in die Gegenwart. sds-korrespondenz sondernummer. Berlin 1966, Paco Press, Amsterdam 1970 (diverse Reprints). ISBN 3-929008-93-9
  • Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Bernd Rabehl: Rebellion der Studenten oder die neue Opposition. Eine Analyse. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968.

Literatur

  • Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Eine Biographie. Pendo, Zürich 1999 (1. Aufl. 1983). ISBN 385842532X
  • Jürgen Miermeister: Rudi Dutschke. Rororo Bildmonographien. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1986 (und weitere Aufl.). ISBN 3499503492
  • Daniel Cohn-Bendit, Reinhard Mohr: 1968. Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wusste. Wagenbach, Berlin 1988. ISBN 3803121612
  • Gretchen Dutschke: Rudi Dutschke - Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996, ISBN 3462025732 (Rezension)
  • Jürgen Miermeister: Ernst Bloch. Rudi Dutschke. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1998, ISBN 3-434-50207-6
  • Bernd Rabehl: Rudi Dutschke – Revolutionär im geteilten Deutschland. Edition Antaios, Dresden 2002, ISBN 3935063067
  • Michaela Karl: Rudi Dutschke – Revolutionär ohne Revolution. Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 2003, ISBN 380150364X
  • Wolfgang Kraushaar: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf. Aufsatz im Reader von Karin Wieland und Jan Philipp Reemtsma (Hrsg.): Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. Hamburger Edition, Hamburg 2005, ISBN 3936096546
  • Gerd Langguth: Mythos '68 – Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung. Olzog, München 2001. ISBN 3789280658
  • Gerd Langguth: Propaganda der Tat - Wer war Rudi Dutschke, Ganzseitiger Artikel in der Rubrik "Die Gegenwart", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. November 2006, Nr. 265, S. 7.

Weblinks

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 NAME=Dutschke, Rudi

|ALTERNATIVNAMEN=Alfred Willi Rudi Dutschke |KURZBESCHREIBUNG=Studentenführer, Dissident |GEBURTSDATUM=7. März 1940 |GEBURTSORT=Schönefeld bei Luckenwalde |STERBEDATUM=24. Dezember 1979 |STERBEORT=Århus, Dänemark }}

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Diskussion der Autoren über den Artikel: Rudi Dutschke


Neo-Marxismus

Natürlich war D. kein orthodoxer Marxist. Aber ganz klar ein Marxist. Und da er sich so sah und so gesehen wurde, finde ich es richtig, ihn dann auch so einzuordnen. Als Neomarxist bezeichnete er sich nicht und wird er in der Klotzbiografie auch nicht eingeordnet. Auf S. 66 steht wörtlich (Dutschkezitat):

Es gilt nun mit der Marxschen Methode zu überprüfen, ob die Marxschen Kategorien noch immer die bestimmenden Faktoren der Tauschgesellschaft sind...
Das ist gut marxistisch, schon Rosa Luxemburg überprüfte Marxsche Dogmen anhand einer aktuellen Gesellschaftsanalyse mittels der Marxschen Methodik und forderte dies als ständige Selbstkritik von allen Marxisten.

Auf S. 41 steht auch: "Rudi übernahm nicht den traditionellen Marxismus." Aber welchen, lässt sich nicht eindeutig kategorisieren. Er lernte Marx zuerst als Ergänzung zu Heidegger, Sartre und Tillich über die Frühschriften von Marx und über Lukacs kennen.

Der frühe Marx und Lukacs gelten ja wohl kaum als Neomarxisten. Wenn "Neomarxismus" also präziser sein soll, müsste a) belegt werden, wer diesen Begriff auf Dutschke bezieht, b) worauf er ihn genau bezieht, also was da so neo gewesen sein soll. Wenn der Begriff bloß irgendwie als Oberbegriff für 68er und/oder Frankfurter Schule fungiert, dann wäre immer noch zu prüfen, wo Dutschke da genau reingehört. Dann bringt der Begriff keinen großen Gewinn an Präzision.

Da bleibe ich lieber einfach bei Marxismus, weil dann klar ist, dass dieser Begriff eben nicht nur auf Klassiker bezogen und nur von Orthodoxen und Stalinisten benutzt werden kann, sondern sich lebendig weiterentwickelt im Sinne einer kontinuierlichen (und meinetwegen "dialektischen") Tradition. Die Unterschiede sind dann innerhalb dieses Traditionsstroms des Marxismus zu klären. Sie fallen deshalb ja nicht flach, sie werden im Artikel ziemlich genau erklärt. - Gute Nacht, Jesusfreund 06:29, 26. Okt. 2006 (CEST)

Natürlich gilt Lukacs als neomarxist... --Tets 18:42, 19. Nov. 2006 (CET)

Mein Versionskommentar bezog sich auf deinen Kommentar:
Neomarxisten bezeichnen sich selbst (Eigensicht) nicht als Neomarxisten, sind es aber trotzdem.
Das hieße, dass das Selbstverständnis für die Einordnung keine Rolle spielt. So einfach kann man aber an dem, wofür D. sich selber hielt, nicht vorbeigehen. Und auch nicht an dem, wie andere ihn bezeichnen, auf deren reputable Quellen sich der Artikel bisher stützt. Jesusfreund 06:38, 26. Okt. 2006 (CEST)
Es ist in der Tat so das es kaum einen neomarxisten gibt der sich als solcher bezeichnet, und es ist ganz normal das Peronen erst in Nachhinein bestimmten Denkrichtungen zugerechnet werden. Tets 18:42, 19. Nov. 2006 (CET)

(Bk...)Natürlich war Dutschke Marxist, eben Neomarxist, wenn man ihn zielgenauer einordnet. Neomarxisten nennen sich nicht selber "Neomarxisten" (Eigensicht), sind es aber trotzdem. Marx sah sich auch nicht als "Marxisten" und ist trotzdem der Urheber des Marxismus. Und nicht jeder Orthodoxe ist "Stalinist" (Trotzkisten sind übrigens auch orthodoxe Marxisten, bezeichnen sich selber aber nicht als "orthodox"). Siehe auch Neomarxismus ("Weiterentwicklungen"), gerade keine "Traditionalisten", genauso wie Dutschke kein "Traditionsströmler" war. Warum nicht genauer einordnen?
Es muß ein Beleg her für "marxistischer Soziologe" (wo keine neomarxistische Umschreibung inbegriffen ist), steht so also aber nicht in deiner Quelle (anscheinend mit Umschreibungen), das prüfe ich aber noch nach.
Und zu Rosa Luxemburg, die hat eine kommunistische Partei mitgegründet, wollte die "Diktatur des Proletariats", bezog sich nicht auch auf Denker des mittleren 20.Jahrhunderts, sah im Proletariat das revolutionäre Subjekt, blieb beim "Hauptwiderspruch" und Stand fest auf der Grundlage des Histomat. Guten Morgen.--Fräggel 06:55, 26. Okt. 2006 (CEST)

(Zwischen 6:38 und 6:55 gibt es keinen Bk. Taugt nicht als Alibi zum Dazwischenschreiben.)
Ein Beleg ist ja oben gegeben worden. Nun fehlt noch der Beleg für "Dutschke war Neomarxist".
Deine Belehrung über die übrigen Adjektive und über R.L. hat logisch nichts mit meinen Einwänden zu tun (wie soll sich jemand, der 1919 starb, auf Denker Mitte des 20. JHs beziehen).
Warum nicht genauer einordnen? Tja, warum eigentlich nicht? Ich habe ja gefragt, was denn daran nun Genauer sein soll. Bisher ist es nicht genauer, weil dein Beleg mitsamt Erläuterung, worauf "Neo" sich bei D. bezieht, noch fehlt.
Vielleicht suchst du auch nur Hickhack. Das ist irgendwie nicht neo. Bittesehr. Jesusfreund 11:52, 26. Okt. 2006 (CEST)

Es hatte aber einen Bearbeitungskonflikt gegeben. Ich weiß nicht mehr genau die Uhrzeit als ich den Bearbeitungsbutton drückte, aber wenn es 16:37 war und du 16:38 nochmal editiert hast, dann ist sowas die logische Folge. Du hast aber recht, dass ich hätte damit rechnen müßen, bei deinen vielen kleinen Nachbesserungsedits. Was für ein dummer Kerl bin ich nur, dass ich nicht in kriegerischer Hektik meine Beiträge einhämmere wie du und etwas länger brauche. Aber genug mit deiner Rhetorik beschäftigt.

Nochmal zu Rosa Luxemburg, die wirklich nicht mit Dutschke gleichgesetzt werden kann. Das heißt sie ist keine Erneuerin des Marxismus und wich im Gegensatz zu den Neomarxisten (Erneuerern), darunter auch Dutschke, nicht von den marxschen Grundlagen (zB Histomat) ab (deren "Weiterentwicklungen") und "entwickelte" auch in dieser Art nichts "weiter". Sie ist mit Dutschke nicht gleichzusetzen, daher war deine Eingangsbemerkung die dies bezweckt von dir ("schon Rosa Luxemburg...") historisch ziemlich schief. Rudi Dutschke distanzierte sich vom "orthodoxen Marxismus", kritisierte auch die marxsche Geschichtssicht (Histomat), formulierte den "Marsch durch die Institutionen" (nicht wirklich Marxens Grundlagen). Selbstredend hat er sich ja auch nicht nur auf Marx und Marxisten bezogen, wie auch hier im Artikel steht. Dann sind noch die Stichworte Hauptwiderspruch und revolutionäres Subjekt des Proletariats zu nennen, auch dabei hatte er anscheinend andere Ansichten, ganz zu schweigen von einer kommunistischen Partei, der Marx eine entscheidende revolutionäre Rolle zuschrieb. Dutschke (u.a. Vertreter der Neuen Linke und Studentenbewegung) läßt sich klar als neomarxistisch orientiert bezeichnen, das liegt auf der Hand. Die Bezeichnung neomarxistisch ist schon angemessen.

"Er lernte Marx zuerst als Ergänzung zu Heidegger, Sartre und Tillich über die Frühschriften von Marx und über Lukacs kennen." Das waren neomarxistische Denker und welche die sich mit Neomarxismus befasst haben.

Es muß ein Beleg her für "marxistischer Soziologe", wo keine neomarxistische Umschreibung inbegriffen ist Ansonsten werde ich noch in späterer Zeit nach der genauen Bezeichnung "neomarxistisch" suchen. Andersrum wäre das natürlich für dich, der etwas "antiautoritär" nennt wie ich sehen durfte ohne so einen Beleg zu bringen, nicht nötig gewesen. Das ist mir schon klar und das ist auch das Problem dieser "Enzyklopädie". Neomarxismus kann Neomarxismus benannt werden, aber es gibt auch Umschreibungen, die im Zusammenhang das selbe bedeuten. Umschreibungen des Neomarxismus sind zum Beispiel: "Erneuerer der marxsch. Theorie" oder "Ablehnung des orthodoxen.../ traditionellen M.", gern genommen wird auch immer "Weiterentwicklung", obwohl das dann ungenauer wird, genauer ist die Bezeichnung als das was es ist und wie es bezeichnet wird, Neomarxismus.

Ein Beispiel für so eine Umschreibung, in der Einleitung zum Artikel über Georg Lukács steht: "Georg (ungarisch György) Lukács (Löwinger) (* 13. April 1885 in Budapest; † 4. Juni 1971 ebenda) war ein ungarischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und -kritiker. Lukács gilt (zusammen mit Ernst Bloch, Antonio Gramsci und Karl Korsch) als bedeutender Erneuerer einer marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts."(Hervorhebung der Einordnung von mir.) So ähnlich bei Karl Korsch, auch in der Einleitung.

Man beachte auch die Dreigliederung im Artikel über Marxismus, gleich am Anfang. Sozialdemokratie, Leninismus usw und als drittes Neomarxismus und Postmarxismus. Wo Dutschke dort einsortiert werden würde liegt auf der Hand, in die dritte Gliederung zum Neomarxismus. Und in der Liste marxistischer Theoretiker und Politiker fehlt zwar der Begriff Neomarxismus, dafür gibt es die Überschriften 9 Frankfurter Schule und 10 Neue Linke, Reform- und Euromarxisten, worunter auch Dutschke eingeordnet ist, übrigens neben Ernst Bloch. Bei Hans-Jürgen Krahl den Dutschke für klug hielt steht diese genaue Einleitung: "Hans-Jürgen Krahl (* 17. Januar 1943 in Sarstedt bei Hannover; † 13. Februar 1970 bei Marburg) war ein bekannter Studentenaktivist der 68er-Bewegung, SDS-"Volkstribun" und Schüler von Theodor W. Adorno." Diese Einleitung ist ohne eine Etikette, wenn eine Etikette dann möglichst genau und nicht schwammig bleiben. Wieso muß nun um alles in der Welt bei Dutschke marxistischer Soziologe stehen und bloß nicht genauer und zwar neomarxistischer.

Von "Präzision" war nicht die Rede nur von genauer, passender Einordnung, die weniger vielsagend ist. Und da sehe ich nur, dass du das Aussprechen der Bezeichnung Neomarxismus verhindern willst. Aber mit dir zu diskutieren hat ja sowieso keinen Sinn. "marxistischer Soziologe" (ohne neomarxistische Umschreibung) ist zwar nicht belegt und deine Quelle benutzt solche Umschreibungen (u.a."Rudi übernahm nicht den traditionellen Marxismus."...), aber ich werde trotzdem nach dem Begriff neomarxistisch im namentlichen Zusammenhang mit Dutschke suchen. Wenn es diese Stelle geben sollte wirst du sie sicher auch in irgendeiner Form wieder anfechten wollen oder sonst was dagegen haben, wie immer. Dir geht es halt nur um Durchsetzung deiner Position (ohne Sekundärquelle, die Dutschke als "marxistischen Soziologen" ausweist und dabei den Neomarxismus nicht beschreibt). Ich kann das nicht nachvollziehen, soll hier etwa Dutschke als eine Art legitimer Erbe marxistischer Theorie verkauft werden(, warum denn nicht eine passende Einordnung?). Da stört dich natürlich die Bezeichnung neomarxistisch, obwohl du nach meinen Annahmen selber offensichtlich kein Marxist bist. Und um das gleich noch dazu zu sagen, ich habe nichts gegen Dutschke, sondern ich möchte nur eine zutreffende Einordnung in der Einleitung, die übrigens etwas weniger vielsagend ist als "marxistisch". Dein Beleg "Biografie Gretchen D-K S. 66", die du bereits zitiertest stützt deine Argumente der Abwehr der Bezeichnung "neomarxistisch" jedenfalls nicht, wie wir lesen durften. Ich muß dir auch keine Vorträge über "Neo" halten. Dass das für was Dutschke steht als Neomarxismus eingeordnet wird liegt auf der Hand.

Zu dem Argument Frühschriften, siehe auch im Artikel Neomarxismus: "Eine neue Sicht auf das Werk von Marx wurde auch angestoßen durch die Veröffentlichung bisher nicht zugänglicher Frühschriften wie die Ökonomisch-Politischen Manuskripte (1932). Eindringliche Kommentare schrieb dazu seinerzeit Herbert Marcuse." Das ist hier also noch ein Argument für "neomarxistisch".

Neomarxismus: "Der Neomarxismus verwirft das deterministische Geschichtsbild des traditionellen Marxismus, nach dem eine quasi naturgesetzliche Entwicklung zu Revolution und Sozialismus führe. Betont wird hingegen die Bedeutung des sozialen Handelns der realen Menschen (Subjekte), die gesellschaftliche Praxis. Auch weicht die Auffassung, dass alle Erscheinungen aus wirtschaftlichen Faktoren abgeleitet werden können ("Ökonomismus"), einer differenzierteren Betrachtungsweise." Das Klingt auch nach Dutschke, der unter anderem auch die marxsche Geschichtsphilosophie kritisierte.

Neomarxismen aind Erneuerungsversuche ("Weiterentwicklungen") des Marxismus, d.h. die in Anbetracht gewandelter ökonomischer politischer und sozialer Verhältnisse den Marxismus neu! überdenkt. Das nennt man Neomarxismus und das steht in jedem Lexikon. Und genau diese Beschreibung trifft auch auf Dutschke zu. [LINK]: "Daß Rudi Dutschke vor allem ein revolutionärer Sozialist war, belegt die nachfolgend - erstmalig im Internet veröffentlichte - Literaturliste des revolutionären Sozialismus, die er 1966 in Abgrenzung zu traditionalistischen Positionen im SDS erarbeitet hatte." "Diese ausgewählte Bibliographie will nichts als die wesentlichen Prozesspunkte der Entstehung, der Entfaltung, der Rezeption und Weiterentwicklung der marxistischen Theorie literaturgeschichtlich kennzeichnen." (Hervorhebung von mir.) Neomarxisten bezeichnen sich selber nicht als Neomarxisten, sie werden aber dennoch als Neomarxisten bezeichnet. Alles andere wäre hier eine oberflächliche Bezeichnunng, die der korekten Bezeichnung/Einordnung/Darstellung einer Enzyklopädie nicht nachkommt. In den 1660er Jahren kamen neomarxistische Ansaätze zu größerem Einfluß, vorallem, aber nicht nur, die Frankfurter Schule. Neomarxistisches Denken hat auch die 68er mitgeprägt. Und Dutschke war dabei ein Studentenführer, der sich gegen den traditionellen Marxismus aussprach. Was soll das für was Dutschke steht denn anderes als neomarxistisch sein. Vieles was hier im Artikel steht bekräftigt die Bezeichnung neomarxistisch.

Und hier in diesem Weblink steht z.B. "Soziologe und Studentenführer", ganz so als hätten die nicht schreiben wollen "marxistischer Soziologe und...", dann wären sie nämlich bestimmt auch in Versuchung geraten seine Position zu beschreiben, die war eben neomarxistisch.

Auch Trotzkisten, Leninisten, Stalinisten, Maoisten usw sind Marxisten, aber eben trotzdem genauer gesagt Trotzkisten, Leninisten, Stalinisten, Maoisten. Genauso wie ein Neomarxist Marxist ist, aber eben trotzdem als Neomarxist eingeordnet wird. Das mit der "Eigensicht", gegen die du ansonsten immer etwas hast, ist zwar ganz nett, aber für eine Enzyklopädie nicht der einzige Faktor, da zählen auch Einordnungen. Ein reputabler Beleg aus Sekundärliteratur, auf die der Artikel aufgebaut ist, für "marxistischer Soziologe", die den auf der Hand liegenden Neomarxismus abwehrt fehlt weiterhin.--Fräggel 04:55, 27. Okt. 2006 (CEST)

Wat'n Krampf. Jesusfreund 06:29, 27. Okt. 2006 (CEST)

"blup".--Fräggel 09:13, 27. Okt. 2006 (CEST)

Naja, wenn ich schon gebeten werde. Also: "Neomarxistisch." Ich halte den Begriff generell nicht für sehr brauchbar, er riecht ein bisschen nach Broschürchen. Es gibt Fälle, in denen "Neo" wichtig ist, z.B. bei der ökonomischen Schule der Neoklassik, die sich in die Traditrion der Klassiker stellt, aber grundlegende neuartige Schulenbildung betrieben hat, oder bei Neonazis - hier dient das Neo- zur Abhebung vom historischen Nationalsozialismus. Bei Dutschke u.a. Marxisten erscheint mir das nicht angemessen - die sehen sich doch in einer durchaus ungebrochenen Traditionslinie mit Marx. Gebrochen haben sie tw. mit Lenin und vor allem der banalisierten Fassung in Stalins Histomat und Diamat - aber eben im Rückgang auf die marxschen Frühschriften! Also: mit Marx! Ich finde, dass da Marxismus besser passt als das ohnehin nicht sehr gebräuchliche und extrem unscharfe Etikett des Neomarxismus. Vor allem aber war Dutschke gewiss kein theoretischer Erneuerer, seine Stärke war gewiss die politische Praxis eher als die theoretische Durchdringung. "Marxistischer Soziologe" ist nicht falsch, aber der Kern ist doch eher der politische Aktivismus Dutschkes ... Aber ich verstehe vor allem die Verbissenheit des Streits nicht. Was für ein Krampf wegen drei Buchstaben ...--Mautpreller 12:33, 29. Okt. 2006 (CET)

Ich kann deine Einschätzung nicht ganz teilen, Neomarxismus definiert sich nicht durch seine Abgrenzung von Marx, sondern wie du richtig schreibst durch die Abgrenzung von anderen Interpretationen des Marxismus. Und da ist der Begriff "NEO" aufgrund seiner stärkeren wertfreiheit "westlich" eindeutig vorzuziehen. Unterschiede in der rezeption des marxismus nicht genauer definieren zu wollen ist keine erkenntnisbringende Haltung, natürlich sollte man versuchen möglichst genaue Definitionen zu finden. Der feststellung, dass Neomarxismus ein "extrem unscharfe(s) Etikett" besitzt, sollte man noch hinzufügen, dass es bei dem Etikett Marxismus noch um einiges schlimmer ist (logischerweise sein muss, wenn diese Spielarten und zusätzlich weitere darunterfallen). Grüsse --Tets 19:04, 19. Nov. 2006 (CET)

Also nochmal: Ablehnung des marxschen Histomat, keine KP (Idee von Marx), "Weiterentwicklung", (Thema revolutionäres Subjekt:) kein Proletariat sondern Studenten, Mitglied bei den Grünen, Marsch durch die Institutionen etc. Die Bezeichnung als neomarxistisch ist weniger vielsagend als marxistisch und passender.--Fräggel 22:51, 29. Okt. 2006 (CET)
Wow, dass ist aber ne Menge Neo für Dutschke :-) Nein, im Ernst, ich halte die Diskussion für ziemlich überflüssig, alleine deswegen, weil Dutschke nun wirklich nicht gerade der grösste marxistische Theoretiker des 20. Jahrhunderts war. Der Mann war vor allem Kommunikator und Organisator. Ihn irgendeiner "Schule" oder "Richtung" zuordnen zu wollen oder ihm gar eine wichtige theoretische Rolle in der (Weiter-)Entwicklung des Marxismus zuzuschreiben, geht an Dutschkes Theorieansatz und der Wirklichkeit vorbei: Er sucht sich "seine" Theorie tatsächlich dort, wo er sie finden kann: Dass ist neben Marx auch Lukács, dass ist Jesus ebenso wie Marcuse, Fanon gehört dazu und (später) Albertz und Abendroth. Das der Marxismus der Studenten ein anderer ist als der Marxismus Lenins ist ja schon richtig - aber das gilt für den gesamten Marxismus des Westens (insbesondere die US-Variante und die Engländer, nach 1945 auch die Westdeutsche Linie). Dutschke teilte sicher viele dieser Auffassungen - er hat sie aber weder erarbeitet noch weiterentwicklet oder sonstwas.--Schreibvieh Schreibvieh 23:32, 29. Okt. 2006 (CET)
"Dass ist neben Marx auch Lukács, dass ist Jesus ebenso wie Marcuse, Fanon gehört dazu und (später) Albertz und Abendroth."
Da zählst du aber einige "Neomarxisten" auf ;) (zumindest Lukacs, Marcuse, Abendroth) Tets 18:45, 19. Nov. 2006 (CET)

Du hast recht damit, dass "Dutschke nun wirklich nicht gerade" ein großer marxistischer Theoretiker des 20. Jahrhunderts war. Ihm kann man keine wichtige theoretische Rolle zuschreiben. Aber passend einordnen sollte man ihn doch. Das Einleitungs-"marxistisch"(/"Marxist") ist dabei sehr vielsagend. Das wirft die Frage auf: Ist er nun Leninist, Maoist oder linker Sozialdemokrat? Eine weniger vielsgende Einordnung stellt eine Verbesserung dar. Dass er etwas nicht erarbeitet bzw. weiterentwickelt (sich wohl aber mit Sicherheit viel theoretisch auseinandergesetzt) hat, tut einer passenden Einordnung nicht das Wasser abgraben.
"Er sucht sich "seine" Theorie tatsächlich dort, wo er sie finden kann: Dass ist neben Marx auch Lukács, dass ist Jesus ebenso wie Marcuse, Fanon gehört dazu und (später) Albertz und Abendroth." -
Ein unorthodoxer Bezug auf Marx, der einen verstärkten Bezug auch auf andere Theoretiker, nicht nur auf Marx oder Marxisten/Neomarxisten, zuläßt. Das ist doch gerade Neomarxismus, ein Aspekt davon.
Die Bezeichnung "westlicher Marxismus" wird öfters als synonym für Neomarxismus verwendet.
"Das der Marxismus der Studenten ein anderer ist als der Marxismus Lenins ist ja schon richtig - aber das gilt für den gesamten Marxismus des Westens (insbesondere die US-Variante und die Engländer, nach 1945 auch die Westdeutsche Linie)." -
Niergends wurde konkret die Unterschiedlichkeit von einem Teil der Studentenbewegung (-Die Studentenbewegung Ende der 60er war vielschichtig, darunter viele Strömungen, nicht nur marxistische.-) Fabianismus, Eurokommunismus und dem Leninismus thematisiert. Gegenstand ist hier nur Dutschke und der Neomarxismus.
Der Neomarxismus entfernte sich selber etwas von den theoretischen Grundlagen Marxens, das ist doch gerade das neomarxistische (Weiterentwicklung und Erneuerung in diesem Sinne). Das hatte ich bereits in meinem längeren Diskussionsbeitrag hier angerissen. Für mich ist hier an dieser Stelle aber vorläufig erstmal Diskussionsschluß. MfG.--Fräggel 07:14, 30. Okt. 2006 (CET)

Nein, der westliche Marxismus ging an die Quellen: Er kritisierte mit Marx den klischierten Histomat und Diamat Stalins, den sowjetmarxistischen Kult der Arbeiterbewegung, die Leninsche "Partei neuen Typs" (deren Konzept eben nicht von Marx stammt). Er kehrte damit zu den theoretischen Grundlagen von Marx zurück. Der Begriff des "Neomarxismus" fasst das nicht. Das ist ebenso wenig angemessen wie eine Bezeichnung der Psychoanalyse, die auf Freud zurückgeht, als "neofreudianisch". Dass das revolutionäre Subjekt bei Dutschke die Studenten sein sollten, stimmt übrigens nicht. --Mautpreller 08:48, 30. Okt. 2006 (CET)
Dem kann ich nicht zustimmen, das ist deine Interpretation dass dies dieser begriff nicht fasst. Westlicher Marxismus fasst dies per se auch nicht (die Abgrenzung, Kritik von aufgezählten), das einzige was dieser begriff tatsächlich macht ist, dass er ein sehr problematische Kultur und Geographieeingrenzung betreibt. Tets 18:17, 19. Nov. 2006 (CET)

(Bk, war ja klar)Die Bezeichnung "westlicher Marxismus" wird gelegentlich auf neomarxistische Bestrebungen angewendet. Neomarxismus ist nicht "die Rückkehr" zu Marx, sondern eine Erneuerung. Der Neomarxismus weicht teilweise von den Grundlagen Marxens selber ab. "Orthodox" ist der Neomarxismus also gerade nicht, was nicht heißt das er mit Marx nichts zu tun hätte.
Der Histomat kommt von Marx und genau von Marxens Geschichtssicht rückt der Neomarxismus etwas ab. Genau wie Neomarxisten von der Einschätzung über das Proletariat als entscheidendes revolutionäres Subjekt etwas abrücken. Auch die Hervorhebung von den Themen wie Rassismus, Emanzipation der Frau (oder gar "sexuelle Revolution") oder das Einfließén lassen der Psychoanalyse in die politischen Anschauungen und die Einreihung des Konflikts Arbeitnehmer gegen Kapitaleigner/Besitzer in diese gesellschaftlichen Widersprüche, also eine dadurch gewisse Relativierung dessen was der "Hauptwiderspruch" sein sollte ist ein Merkmal dessen.

Die Idee der Kommunistischen Partei kam von Marx, nicht von Lenin. Gab es eine neomarxistische Kommunistische Partei? Nein. Gab es denn irgendeine neomarxistische Organisation oder Bestrebungen eine revolutionäre politische Organisation aufzubauen, die sich an neomarxistischen Auffassungen orientiert? Nein, ich glaube nicht. Nach Karl Marx hat die Kommunistische Partei eine entscheidende Rolle. Der Neomarxismus sieht das nicht orthodox und weicht so z.B. vom Thema Kommunitischen Partei ab.

Dass bei Dutschke die Studenten das alleinige revolutionäre Subjekt seien habe ich nicht behauptet. Sie hatten bei ihm aber eine starke Rolle. Und du wirst mir zugestehen müßen, dass Dutschke "Studentenführer" war und nicht Arbeiterführer. Aber was soll diese überflüssige ideologische Grundsatzdiskussion jetzt überhaupt. Wurdest du etwa zusätzlich per Mail gegen mich aufhgehetzt? und sollst mich jetzt KO diskutieren? Wenn ja, welche Behauptungen standen denn in der Mail?--Fräggel 09:35, 30. Okt. 2006 (CET)
Ach Fräggel. Ich bin durch Jesusfreunds und Deine Einträge auf meiner Diskussionsseite auf die Diskussion aufmerksam geworden und habe mich entsprechend dazu geäußert. Weiter nichts, keine Mails, keine Verschwörung. Interessiert Dich die Debatte? Ich kenne mich ein bisschen mit Marxismus aus und meine dazu was sagen zu können. Nur ganz kurz: "Westlicher Marxismus" ist eine Strömung, die sich von der "offiziellen" sowjetmarxistisch kodifizierten ML-Lehre absetzte; deshalb so genannt, weil sie hauptsächlich im Westen vertreten wurde (im Osten war das kaum möglich). Diesen Begriff finde ich durchaus aussagekräftig; den Begriff "Neomarxismus" weniger. "Neomarxismus" wurde im Übrigen keineswegs hauptsächlich auf Gramsci oder Anderson oder gar die Kritische Theorie angewendet, sondern vor allem auf die Renaissance des Marxismus in den Sechzigern und Siebzigern, u.a. auch auf die höchst dogmatischen, tw. stalinistischen K-Gruppen (die sich gern als "Parteien" konstitutierten ...); es gebricht ihm damit an Trennschärfe in dem von Dir gemeinten Sinn. "Der Histomat kommt von Marx" - na ja. Die Marxsche Geschichtsphilosophie hat Marx selbst in seinen späteren Jahren nicht mehr so vertreten, ein geschlossenes Theoriegebäude war sie nie. Dazu wurde sie erst im Stalinismus ("Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)" von Stalin), der gleich auch das grässliche Kürzel dafür erfand. Wo Marx von der "Partei" der Kommunisten schreibt (im Komm. Manifest von 1848!), meint er keineswegs "die kommunistische Partei" im Sinne Lenins, sondern eher so etwas wie eine Strömung; die Theorie der Kommunistischen Partei (als "Partei neuen Typs") stammt von Lenin. In einem hast Du aber m.E. Recht (bloß sehe ich nicht, wer das bestreitet): Viele Marxisten der Sechziger und Siebziger versuchten den theoretischen Ansatz von Marx weiterzuentwickeln (es gab u.a. das Schlagwort "Marxismus als Methode" statt Marxismus als Dogmengebäude), u.a. im Hinblick auf den internationalen Kapitalismus, das revolutionäre Subjekt, die "Nebenwidersprüche" etc. Wenn Du darüber nicht weiter diskutieren willst, ist das Dein gutes Recht. k.o. diskutieren will und kann ich keinen. --Mautpreller 10:04, 30. Okt. 2006 (CET)
"Neomarxismus ist nicht "die Rückkehr" zu Marx, sondern eine Erneuerung."
So würde ich das nicht sehen, es kann beides sein. Vor allem ist es eine Abgrenzung von dem Marxismuserständnis wie es im Realsozialismus + China auftrat, bzw. Regimen die sich darauf beriefen. Tets
Und gleich noch einer hinterher: neben den inhaltlichen Argumenten (Danke auch, Mautpreller!) noch ein ebenso wichtiges, wenn auch mehr formales: Mir scheint der Begriff "Neomarxismus" keineswegs ein in der Forschung etablierter Terminus zu sein, der eine ganz bestimmte, abgrenzbare Strömung des Marxismus beschreibt. Zu klären wäre also: Welche Wissenschaftler verwenden überhaupt einen klar definierten Begriff des Neomarxiasmus? Und welche Forscher ordnen Dutschke dann dieser (klar definierten!) Richtung zu? Ansonsten betreiben wir hier doch zu sehr eigene Forschung.--Schreibvieh Schreibvieh 09:22, 30. Okt. 2006 (CET)

Schreibvieh, mich würde interessieren wie dein Hauptaccount heißt? Es gibt viele "neomarxistische" Strömungen. Da gibt es keine festen Leitlinien, also keine fest in Stein gemeißelte Ideologie. Das ist ja gerade das interessante und entscheidende, das nicht-dogmatische beim Neomarxismus. Trotzdem kann man sagen "das ist neomarxistisch". Es ist eine etablierte Begrifflichkeit. Und weil Neomarxismus nur ein Teilbereich/eine Grundrichtung vom Marxismus ist, gibt es noch viel mehr "marxistische" Strömungen. Und an alle die zu faul waren die Diskussion ganz zu lesen, ich habe bereits angekündigt eine entsprechende Textstelle ("neomarxistisch" oder eindeutige Umschreibung) zu suchen. Wenn hier aber weiter diskutiert wird, komme ich erst in ein paar Tagen in eine entsprechende Buchhandlung. Hier noch kurz vier Links auf die Schnelle, als Beleg dafür das es den Begriff gibt und er benutzt wird: [LINK] [LINK] (Dutschke kommt da sogar am Rande vor) [LINK] [LINK]--Fräggel 10:06, 30. Okt. 2006 (CET)

  • "Er lernte Marx zuerst als Ergänzung zu Heidegger, Sartre und Tillich über die Frühschriften von Marx und über Lukacs kennen." Das waren neomarxistische Denker und welche die sich mit Neomarxismus befasst haben. --> Quatsch.
  • Und zu Rosa Luxemburg, die hat eine kommunistische Partei mitgegründet...: --> RL wollte die KPD zuerst sozialistisch nennen. Dutschke wollte nach dem 1. RAF -Mord auch eine neue Linkspartei links von der SPD gründen.
  • ...wollte die "Diktatur des Proletariats": sie grenzte diesen Begriff von Lenins Parteikonzept ab und betonte, dass es dabei um Selbstbestimmung aller Lohnabhängigen gehe: Räterepublik. Ebenso gab Dutschke den Begriff Proletariat nicht auf, fasste ihn weiter und griff rätedemokratische Ideen auf.
  • ...bezog sich nicht auch auf Denker des mittleren 20. Jahrhunderts...: Tja, wie auch.
  • ...sah im Proletariat das revolutionäre Subjekt...: Dutschke auch, er sah die Studentenbewegung nur als Anstoß und möglichen Vorreiter einer proletarischen Revolution, bemühte sich um Kontakte zwischen Studenten und Arbeitern und näherte sich ab 1976 Vertretern der Gewerkschaften an.
  • ...Stand fest auf der Grundlage des Histomat: Das sah Stalin anders. "Luxemburgismus" und "Spontaneismus" warf man RL wegen ihrer Betonung des "subjektiven Faktors", nämlich der Eigenbewegung der Arbeiter unabhängig von allen Arbeiterorganisationen vor.
  • Der Histomat kommt von Marx und genau von Marxens Geschichtssicht rückt der Neomarxismus etwas ab... Der "Histomat" in dieser begrifflichen Verkürzung und Dogmatisierung kommt nicht von Marx, frühestens von Engels. Und Dutschke rückte keineswegs vom Begriff "Historischer Materialismus" ab, sondern hielt sowohl in seiner Frühzeit wie später in Aarhus Seminare unter genau diesem Titel und ordnete seine Auffassung in ihn ein.
  • Auch die Hervorhebung von den Themen wie Rassismus, Emanzipation der Frau (oder gar "sexuelle Revolution") oder das Einfließen lassen der Psychoanalyse in die politischen Anschauungen und die Einreihung des Konflikts Arbeitnehmer gegen Kapitaleigner/Besitzer in diese gesellschaftlichen Widersprüche, also eine dadurch gewisse Relativierung dessen was der "Hauptwiderspruch" sein sollte ist ein Merkmal dessen: Eben genau diese Themen sind für Dutschkes Denken nicht zentral, und zum neuen Hauptwiderspruch machte er sie erst recht nicht.
  • Gab es eine neomarxistische Kommunistische Partei? Wenn jeder, der Marx auf neue Verhältnisse anwendet und signifikant weiterentwickelt, Neomarxist sein soll, dann war bereits RL eine Neomarxistin, auch Antonio Gramsci war dann einer. Und dann war die italienische Eurokommunistische Partei neo-marxistisch geprägt. Dort hatte Dutschke enge Freunde, obwohl er die Gründung einer solchen Partei für die Bundesrepublik bis 1976 nicht für realistisch hielt und dann zu den Grünen ging, weil er den Kontakt zu einer gesellschaftlich relevanten Strömung wollte, aber nicht die K-Gruppen.
FAZIT: Wenn du in die Bibliothek gehst, am besten mal gleich Originalwerke von Dutschke, nicht nur Sekundärliteratur mit Klischeebegriffen ausleihen, sonst bist du ja unterbeschäftigt. ;-) Jesusfreund 10:55, 30. Okt. 2006 (CET)
natürlich ist Gramsci ein Neomarxist... --Tets 18:50, 19. Nov. 2006 (CET)

  • "Mit seinem Versuch, Marxismus und Existenzialismus zu verbinden, schloss sich auch Jean Paul Sartre dem neomarxistischen Diskurs an." (Neomarxismus) Martin Heidegger (gestorben 1976) kein Marxist, Ex-Nazi. Philosopph, hat sich ganz bestimmt mit Neomarxismus auseinandergesetzt. Lob und Kritik von Habermas an dessen Schriften, was hier verneinen soll das sie nichts miteinander zu tun hätten.
  • [LINK] "Neomarxismus ist eine neue Form des Marxismus (Kommunismus), der sehr stark soziologische und psychologische Theorien (insbesondere die >Psychoanalyse von Sigmund >Freud) mit einbezieht. Der N. wurde insbesondere entwickelt von den Sozialphilosophen der Frankfurter Schule (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Jürgen >Habermas) und seit den Jahren der 68-Studentenrevolution in vielen Staaten gesellschaftlich umgesetzt (im von Rudi Dutschke ausgerufenen "langen Marsch durch die Institutionen" bis hinauf zu Spitzenämtern in Politik, Wirtschaft, Rechtsprechung, Massenmedien und Kirchen). Man bezeichnet seine Vertreter auch als "Neue Linke"."
  • [LINK] Modifizierung "..die durch Modifizierung der Lehren von Karl Marx und einer entsprechenden wirtschafts- und sozialpolitischen Programmatik den geänderten sozioökonomischen Verhältnissen entwickelter kapitalistischer Gesellschaften Rechnung tragen wollte."
  • "RL wollte die KPD zuerst sozialistisch nennen." - Na und. (Etwa "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands" [= Leninismus], oder wie? ;-) ) Spaß beiseite. Ob die Partei "sozialistisch" im Namen trägt oder nicht, sie hat (nach marxscher Grundlage) eine Kommunistische Partei mitgegründet, dazu hat sie vorher in Marxens Schriften gekuckt, an denen sich bei der Gründung der KPD orientiert wurde. Anders als bei Dutschke mit den Grünen. Wirklich ganz anders. Die Grünen sind und waren von der Programmatik her auch am Anfang keine marxistische Klassenpartei.
  • "Ebenso gab Dutschke den Begriff Proletariat nicht auf, fasste ihn weiter" - Also weiter als Marx. Dass er den Begriff des Proletariats aufgegeben hätte, ist ein Gedanke von dir selber, von mir kam das nicht. Der "Studentenführer" sah das mit Proletariat also etwas anders als in der marxschen Vorgabe und erstellte etwas abgeänderte Koordinaten für ein "revolutionäre Subjekt".
  • "er sah die Studentenbewegung nur als Anstoß und möglichen Vorreiter einer proletarischen Revolution, bemühte sich um Kontakte zwischen Studenten und Arbeitern". Ja eben, der Studentenführer (!) sah die Studenten als treibende Kraft. Und ein Arbeiterführer war Dutschke nie gewesen.
  • "..näherte sich ab 1976 den Gewerkschaften an." Naja, kein wirkliches Argument um eine Bezeichnung wie "neomarxistisch" abzuwenden. Und die Gewerkschaften bestanden damals nicht gerade aus vielen Marxisten.
  • Rosa Luxemburg benutzte den Begriff Diktatur des Proletariats und bezog sich dabei auf Marx. Sie stand hinter der marxschen Geschichtsphilosophie. Wollte Dutschke auch eine "Diktatur des Proletariats"? Hat er den Begriff benutzt oder mied er ihn? Hat Dutschke eine revolutionäre Partei im marxschen Sinne mitgegründet? Nein. Und er kritisierte die marxistische Geschichtsphilosophie.
  • "links von der SPD" - Was soll das heißen, sehr schwammig. Anarchisten, die meißten religiöse Sozialisten, Kurt Hiller, die Grünen, die WASG alle stehen "links von der SPD", das bedeutet bei weitem nicht zwingend marxistische Klassenpartei. (Und wenn dann muß noch zwischen revolutionärer und nicht-revolutionärer Partei untschieden werden. Rosa Luxemburgs Partei zu ihrer Zeit war eine revolutionäre Partei. Bei Dutschke ein Absicht zu einer Partei "links von der SPD".)
  • Und nochmal, was soll dauernd die Unterschiedlichkeiten und Vergleiche zu Lenin hier. Gegen Lenins Parteikonzept zu sein, ist in diesem Zusammenhang noch keine Basis und taugt hier nicht als Argument. Wenn Otto Wels (Vors. der SPD früher mal) und Paul Frölich (KPD, KPD-O und SAPD), beide benutzten den Begriff Sozialismus, sich entschieden gegen die Stalinschen Säuberungen in der SU aussprachen, macht sie das auch nicht ideologisch deckungsgleich. Oder wenn z.B. Sarah Wagenknecht und Andrea Nahles gegen die Agenda 2010 sind macht sie das auch nicht gleich zu 100%ig Gleichgesinnten. Die Ablehnung zu Lenin taugt hier nicht und ist nicht Thema. "Rätedemokratische Ideen", ja und, Syndikalisten und andere Radikaldemokraten haben auch rätedemokratische Ideen, das macht Leute mit rätedemokr. Vorstellungen aber noch lange nicht gleich zu 100% lupenreinen Denkern der marxschen Grundlagen oder überhaupt zu Marxisten.
  • Denker des 20.Jahrhunderts, "Tja, wie auch" - Eben drum deswegen ist ein Gleichsetzung von Luxemburg und Dutschke nicht nur schief sondern auch geschichtslos.
  • "Das sah Stalin anders" - Das ist wirklich kein Argument, wenn du Stalin heranziehst, um damit zu sagen dass Luxemburg angeblich von Marx abweicht. Man sollte sich besser an Marx und lexikalische Einordnungen halten und nicht an Propaganda. Die schiefe Dutschke - Luxemburg (Hirngespinst-)Gleichsetzung müßte durch eine fachliche Quelle, also einen Wissenschaftler, klar belegt werden.
  • "Dutschke rückte keineswegs vom Begriff "Historischer Materialismus" ab, sondern hielt sowohl in seiner Frühzeit wie später in Aarhus Seminare unter genau diesem Titel und ordnete seine Auffassung in ihn ein." - Dutschke vertrat keineswegs 100%ig die Geschichtsbetrachtungen von Marx und des Histomat. Um die Verwendung des Begriffs géht es nicht sondern um Inhalt.
  • "und ordnete seine Auffassung in ihn ein." Also seine eigene Auffasung, nicht Marxens.
  • Dutschke kritisiert den marxistischen Geschichtsmythos, dass der Weg zum Sozialismus quasi vorgezeichnet sei, wie es die vergangene Geschichte zeige. Die Theorie des Histomat geht aber gerade von einer gesetzmäßigen Entwicklung aus. [LINK]
  • "Eben genau diese Themen sind für Dutschkes Denken nicht zentral, und zum neuen Hauptwiderspruch machte er sie erst recht nicht." Sehr verdreht das Argument. Es bezog sich auf neomarxistische Positionen (Mehrzahl) allgemein, weil hier auch über Neomarxismus im Allgemeinem diskutiert wurde und wird. Und "zum Hauptwiderspruch machen" ist sehr konfus ausgedrückt, weil es ja in diesem Denkmuster mehrere gesellschaftliche Widersprüche gibt, hingegen in orthodoxer Sichtweise beim alten geblieben wird und der "Hauptwiderspruch" (Arbeiter gegen Kapital) betont und als solcher formuliert wird, hinter dem diese anderen (neuen) Widersprüche stark zurücktreten müßen. Wenn Dutschke in den Studenten "mögliche Vorreiter" sah, dann sah er die Vorreiter nicht im Proletariat, so wie es Marx und Rosa Luxemburg taten. Ein orthodoxer Marxist war Dutschke nicht.
  • "Er sucht sich "seine" Theorie tatsächlich dort, wo er sie finden kann: Dass ist neben Marx auch Lukács, dass ist Jesus ebenso wie Marcuse, Fanon gehört dazu und (später) Albertz und Abendroth." Das stimmt genau. Er sah Marx nicht orthodox und suchte sich seine Theorie eben gerade auch woanders.
  • Unter Vertretern des Neomarxismus gibt es eine verbreitete Ablehnung (das ist kein Dogma) der Idee der Kommunistischen Partei. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dutschke war ja auch in keiner. Tja, warum wohl. Bestimmt nicht weil er angeblich Luxemburg nacheifern wollte. Stattdessen ging er zu den Grünen. Als wenn Marx sein Manifest und das Kapital ins Feuer werfen würde, weil die Revisionisten gerade in der Mehrzahl sind und er den Kontakt zu ihnen nicht verlieren will.
  • Antonio Gramsci war tatsächlich einer und wird oft als Neomarxist bezeichnet.
  • Bibkiothek. Ich werde schon noch nach Büchern kucken, aber mich dabei nicht von deinen merkwürdigen Dutschke-ein-"wahrer- Marxist"-der-bloß-nichts-mit-neomarxistischen-Positionen-zu-tun-haben-darf-Theorien leiten laßen.
  • Du hast es ja dringend nötig gegenüber jemanden herablassend zu sein, und das bei dem Theoriefindungs-Kerbholz, siehe in diesem Zusammenhang auch deine Erfindung "antiautoritär" (über die Station Dutschke) beim Artikel und Diskussion zu Rosa Luxemburg.
  • Für weiteres siehe meine Diskussionsbeiträge [LINK] [LINK][LINK][LINK] Ich muß hier nicht alles wiederholen.--Fräggel 17:12, 30. Okt. 2006 (CET)
Fräggel, weniger ist manchmal mehr. Das sind alles interessant Punkte, die Du da nennst, aber sie bringen uns doch in der Diskussion nicht wirklich weiter, oder? Die von Jesusfreund und Mautpreller genannten Punkte bleiben noch offen, ebenso die von mir danach aufgeworfenen Fragen. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen "Begriff wird verwendt und findet sich bei Google" und "ist ein wissenschaftlich eingeführtet, klar definierbarer Fachterminus". --Schreibvieh Schreibvieh 17:25, 30. Okt. 2006 (CET)

Ja weniger ist manchmal meht, stimmt. Hier zu diskutieren bringt nichts, weil Jesusfreund ja von vornherein immer Recht hat, egal ob er daneben liegt oder schlecht argumentiert. "Die von Jesusfreund und Mautpreller genannten Punkte bleiben noch offen." - So? Welche denn? "Begriff wird verwendt und findet sich bei Google"- Schön aus dem Zusammenhang gerissen. Das ist nichtssagend von dir. Ich habe inhaltlich argumentiert, nicht mit google-Begriffstreffern.--Fräggel 17:33, 30. Okt. 2006 (CET)
Ach komm, das hat hier nix mit Jesusfreund oder Mautpreller zu tun, sondern mit Inhalten. Nehmen wir doch nur diesen einen Punkt heraus (der in der Wikipedia ja so zentral ist):
Ich schrieb:
Mir scheint der Begriff "Neomarxismus" keineswegs ein in der Forschung etablierter Terminus zu sein, der eine ganz bestimmte, abgrenzbare Strömung des Marxismus beschreibt. Zu klären wäre also: Welche Wissenschaftler verwenden überhaupt einen klar definierten Begriff des Neomarxiasmus? Und welche Forscher ordnen Dutschke dann dieser (klar definierten!) Richtung zu? Ansonsten betreiben wir hier doch zu sehr eigene Forschung.
Und von Dir kommt dann:
"Hier noch kurz vier Links auf die Schnelle, als Beleg dafür das es den Begriff gibt und er benutzt wird:"
Das verstehe ich unter "mit Google-Treffern argumentieren". Ich hatte nämlich gar nicht bezweifelt, dass der Begriff "Neomarxismus" tatsächlich verwendet wird. Ich habe bezweifelt (und tue dies immer noch), dass dieser Begriff in der Wissenschaft verwendet wird und dass es darüber hinaus ernsthafte Dutschke-Forschung gibt, die ihn in irgendeiner Form dieser Begrifflichkeit zuordnet. Die wissenschaftliche Erforschung des Marxismus und aller seiner Spielarten ist ja nun keineswegs eine Randwissenschaft, sondern doch recht weit verbreitet und auch sehr ausgefeilt. Wenn es dort diese Bezeichnung und die Zordnung von Dutschke nicht gibt - dann ist die Frage doch schon beantwortet - oder?--Schreibvieh Schreibvieh 17:57, 30. Okt. 2006 (CET)

"Mir scheint..." Von mir kam dann: "Es gibt viele "neomarxistische" Strömungen. Da gibt es keine festen Leitlinien, also keine fest in Stein gemeißelte Ideologie. Das ist ja gerade das interessante und entscheidende, das nicht-dogmatische beim Neomarxismus. Trotzdem kann man sagen "das ist neomarxistisch". Es ist eine etablierte Begrifflichkeit." Weblinks mit Definitionen habe ich bereits verlinkt und teilweise zitiert. Hast du dich denn überhaupt schon mal damit befasst oder die Links gelesen? Hast du schon in dein gedrucktes Lexikon gekuckt, was steht denn da. In meinem steht nicht dass der Begriff sehr unscharf wäre etc. Mir kannst du nicht erzählen, dass klarer definiert ist was "marxistisch" ist, wenn neomarxistisch ein Teilbereich dessen ist und nach dir angeblich viel weniger eingrenzbar sein solle, wenn Neomarxismus doch tatsächlich zum Marxismus gehört, was hier niemand bestreitet.
Auch Trotzkisten, Leninisten, Stalinisten, Maoisten usw sind Marxisten, aber eben trotzdem genauer gesagt Trotzkisten, Leninisten, Stalinisten, Maoisten. Genauso wie ein Neomarxist Marxist ist, aber eben trotzdem als Neomarxist eingeordnet wird. Dahingehend ist "neomarxistisch" hier viel weniger vielsagend als "marxistisch", weil dann auch beschrieben wird das er eben kein Trotzkist, Leninist etc. war. Dieses unscharf-Argument ist also von daher nicht stichhaltig.
"Und welche Forscher ...?" - Die Frage ist bereits beantwortet. Ich besorge mir ein Buch. Gegenfrage, welche Forscher nennen Dutschke einen "Marxisten" und wie tun sie das? Wo ist also nun deine Sekundärquelle dafür, dass Dutschke "Marxist" (ohne Schnörkel) sei? Nicht das ich dass bezweifle, ich sehe nur kein triftigen Grund der gegen neomarxistisch und die Argumente dafür spricht. Bisher hast du ja gar keine Belege dagegen vorzuweisen. Und die Sekundärquellen, wo Jesusfreund behauptet dass Dutschke angeblich nur Rosa Luxemburg nachgeeifert hätte? Nicht das ich mich weigere nach begrifflichen Quellen zu suchen, ich mag nur dieses endlose mit nicht stichhaltiger Verneinung diskutieren nicht. Argumente sind gebracht. Nun würde ich aber auch gern mal einen von deinen Dutschke-Forschern hören, bitte.--Fräggel 18:37, 30. Okt. 2006 (CET)

"[...]Anders Dutschke, der zurück zu den Wurzeln der reinen Lehre wollte, zu einem Marxismus, frei von den Verstümmelungen des Staat gewordenen Sozialismus" (Miermeister, 1986:28) Ist das erste, was mir so in die Hände fiel.--Schreibvieh Schreibvieh 19:03, 30. Okt. 2006 (CET)

...Und was steht da weiter? "zurück zu den Wurzeln" ist sehr unscharf und vielsagend, um es mit der Argumentation der Gegenseite zu sagen. Steht dort irgendwo eine genaue Einordnung (Marxist, ohne Schnörkel) so wie sie von mir verlangt wird. Und jetzt frage ich auch dich, ist der "Marsch durch die Institutionen" und der Eintritt bei den Grünen zu vereinen mit zu den "Wurzeln des Marxismus" wollen? Was für Wurzeln sollen das sein? Und vertrat Marx bereiits diese "Wurzeln"?--Fräggel 19:20, 30. Okt. 2006 (CET)[LINK]
"Diese ausgewählte Bibliographie will nichts als die wesentlichen Prozesspunkte der Entstehung, der Entfaltung, der Rezeption und Weiterentwicklung der marxistischen Theorie literaturgeschichtlich kennzeichnen."
Damit wären wir bei "weiterentwickelten" Wurzeln. ;-)--Fräggel 19:29, 30. Okt. 2006 (CET)

Dutschke kann man unmöglich als Marxisten bezeichnen. Sozialist, das kann man schon eher durchgehen lassen. Wobei man genauer genommen jedoch wohl von einem utopischen Sozialisten sprechen sollte. Gleichzeitig wies sein Weltbild auch anarchistische Züge auf. Was spricht gegen die Bezeichnung Marxisten? 1. er plädierte für einen "Marsch durch die Institutionen". Das ist allerdings wahrlich naiv. Es ist doch nun mal so, daß einem die Institution vereinnahmt (siehe Grüne) oder die I. den "Marschierer" ausspeit. Kein Marxist hat je einen solchen Unfug postuliert. 2. D. knüpfte u.a. am Urchristentum an; mithin geht es "ab" in Richtung Gutmensch bzw. reine Ethik -kein Marxist knüpft am Urchristentum an! 3. D. Antiautoritarismus - eine Position vom linksliberalen Bürgertum sowie Anarchismus -kein Marxist postuliert so etwas, siehe Aufsatz von Engels! (die antiautoritären Kinderläden sind keine Pflanzstätten des Sozialismus!!) 4. D. war Mitbegründer der Grünen -spätestens da brach er endgültig mit den "Fragmenten" des M., die er so als "Gutmensch" vertrat. 5. Diskutieren am falschen Platz -kein Marxist kommt auf die Idee in einer Kirche als ein Art moderner Priester aufzutreten. --HorstTitus 11:29, 12. Nov. 2006 (CET)

Prinzipiell ist immer die genaueste Definition zu treffen, relativistische Argumente führen zu nichts. Einen Begriff quasi zu verbannen weil er einen nicht gefällt kann ja nicht die Lösung sein

Ich kenne Dutschkle nicht wirklich, aber wenn man den Artikel so überfliegt sind vor allem Personen erwähnt die dem westlichen/neo Marxismus nahestehen Jean-Paul Sartre, Georg Lukács und Ernst Bloch sowie der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Negt), Wolfgang Abendroth, Karl Korsch,

Nicht in diese Schiene passen die trotzkisten, aber sie bilden keinen widerspruch für eine genauere Eingrenzung in diese Richtung

Auf den ersten Blick wirkt eine definierung in diese Richtung nicht widersprüchlich, aber ein urteil kann ich keines abgeben weil ich dutschke nicht kenne. Auf alle fälle richt es etwas nach theoriefindung oder fehlender Neutralität wenn unzählige westliche/neo-marxisten aufgezählt werden aber dieser Begriff kein einziges mal, nicht einmal kritisch beleuchtet, im Artikel vorkommt. Tets 18:30, 19. Nov. 2006 (CET)



Diese Definition bzw. Erklärung des Begriff Rudi Dutschke und dessen Bedeutung wurde zuletzt am 25.7.2007 aktualisiert (Glossar Lexikon Enzyklopädie).